Meinung : Niemand will die Zeiten des Rohrstocks zurück

„Eltern warnen vor Lehrergewalt gegen Schüler / Bildungsverwaltung weiß von 26 Vorwürfen in zwei Jahren. Gerichtsbeschluss stärkt Pädagogen“

von Susanne Vieth-Entus vom 20. März

Der zunächst als verfrühter Aprilscherz vermutete Artikel entpuppt sich als bierernst: Berlins Landeselternausschuss, allen voran der Landeselternsprecher und sein Stellvertreter, beklagen die Entscheidung des Landesgerichts als „Katastrophe“, den „Armgriff“ einer resoluten Lehrerin als Bagatelle einzuordnen.

Diese Beurteilung der obersten Elternvertreter dieser Stadt halte ich genauso für empörend wie die Empfehlung, Lehrer zu einem Coaching zu verpflichten, damit sie mit ihren Aggressionen und Disziplinproblemen besser umzugehen lernen. Ich selber empfehle diesen Interessenvertretern, sich einmal in eine Grundschulklasse zu begeben, um festzustellen, wer hier aggressiv ist. Des Weiteren empfehle ich ein Coaching für die vielen Eltern, die die Erziehung ihrer Kinder den Kindergärten und Schulen überlassen und die tatsächliche Ursache allen Übels sind.

Ich rate dem Landeselternsprecher und seinem Stellvertreter mit solchen Meinungsäußerungen zurückhaltender zu sein, denn diese sind kontraproduktiv. Nehmen Sie lieber Einfluss auf Eltern, die sich um ihre kleinen Chaoten, die in der Schule guten Unterricht unmöglich machen, überhaupt nicht scheren und stärken Sie Lehrerinnen und Lehrern den Rücken, auch wenn sie mal zupacken! Wenn es uns nicht gelingt, dass Lehrerinnen und Lehrer wieder respektiert werden (von Eltern und Schülern), wird jede neue Schulreform zum Scheitern verurteilt sein.

Hans-Ulrich Schlender,

Berlin-Nikolassee

Mit Erstaunen nehme ich die Warnung des Landeselternausschusses vor zunehmender Gewalt gegen Schüler zur Kenntnis. Wer schützt denn die Lehrer vor verbalen und körperlichen Übergriffen der Schüler? Kinder, deren Eltern versäumt haben, ihnen rechtzeitig Grenzen zu setzen, können den Unterricht massiv stören. Diese Kinder sollten angemessen diszipliniert werden dürfen, ohne dass die Lehrer sofort eine Klage der Eltern befürchten müssen.

Wie aber kann ein Lehrer ein Kind z. B. aus der Klasse ausschließen, das partout nicht vor die Tür gehen will und mit seiner „Rumkasperei“ auch noch die anderen Schüler anstachelt, wenn er dieses Kind nicht einmal berühren darf? Zu viele Eltern bürden inzwischen wie selbstverständlich sämtliche Erziehungsaufgaben den Schulen auf, während sie gleichzeitig den Lehrern keinen Raum für Sanktionen lassen.

Natürlich will niemand die Zeiten des Rohrstocks zurück. Es würde schon reichen, wenn Eltern nach eingehender Befragung ihrer Kinder zum Vorfall einfach mal den Lehrern den Rücken stärken, indem sie ihrem Kind sagen: „Du hast es dir selbst zuzuschreiben, dass der Lehrer dich so behandelt.“

Petra Fietkau, Berlin-Frohnau

Wie pervertiert sind inzwischen die Ansichten in unserer Gesellschaft, dass Eltern jetzt vor Lehrergewalt gegen Schüler glauben warnen zu müssen? Wir lesen zwar häufiger von der – objektiv – zu beobachtenden und zunehmenden Gewalt der Schüler, aber eine „Gewalt“ der Lehrer existiert offensichtlich nur in der Fantasie der Eltern, die es versäumt haben, ihren Kindern in der Erziehung Disziplin und soziales Verhalten beizubringen. Wenn man die „Lieblinge“ zu Hause statt mit Erziehung mit Geld abspeist und sie, statt sich mit ihnen zu beschäftigen, vor die Glotze oder den PC setzt, dann sind Fehlverhalten und mangelnde Einsicht in diszipliniertes und soziales Verhalten in der Schule kein Wunder. Und das hat nichts mit einer Behinderung der freien Entfaltung der Persönlichkeit zu tun, das ist schlicht Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Übrigens die Eigenschaften, die uns auch die Finanzkrise beschert haben. Dann aber die Unverfrorenheit zu besitzen, dem Lehrer „Gewalt“ vorzuwerfen, wenn er einen renitenten und uneinsichtigen Schüler vor die Tür befördert, das entlarvt eher die Eltern als die angeblich gewalttätigen Lehrer.

Die Political Correctness, die schon qualifizierten Politikern Schwierigkeiten beschert hat, sorgt zunehmend dafür, dass Probleme unter den Teppich gekehrt werden, statt sie anzupacken. Und wenn Eltern den Lehrer ihres renitenten Sohnes vor den Kadi zerren, statt ihre Erziehung zu überdenken, dann läuft ganz offensichtlich etwas schief.

Wir haben genügend gute Beispiele, wo – unabhängig von der Herkunft – in der Schule gute Ergebnisse erzielt werden, wo die Schüler beweisen, dass man sozusagen mit „Herzblut“ und Engagement etwas erreichen und sich damit selbst den Weg in die Zukunft ebnen kann. Und solche Schüler hätten auch wenig Verständnis für „juristische“ Lösungen des Fehlverhaltens ihrer Klassenkameraden.

Hartwig Roth, Berlin-Friedrichshain

Mir fällt auf, dass oft gerade die Eltern sich über Lehrer beschweren, deren Kinder Anlass zu manchmal emotionalen Handlungen seitens der Lehrer geben. Dabei sollten es diese Eltern nicht vergessen, dass sie selber vielleicht nicht mit nur ein, zwei Kindern nicht klarkommen, aber von Lehrern erwarten, dass diese bei mehr als zwanzig Schülern in einer Klasse gerade mit ihren „Früchtchen“ fertig werden. Das erinnert mich an die „Haltet-den-Dieb-Methode“. Schuld sind immer nur die anderen – vorgemacht wird es von Politikern.

Arnulf Knieriem, Berlin-Friedenau

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