Meinung : Nordirland: Kindische Rituale

ali

Das sterile Drehbuch musste wohl bis zum bitteren Ende durchexerziert werden: Nordirlands Chefminister hat gestern mit seinem Rücktritt den Beweis erbracht, dass er Ultimaten einhält. Damit gewinnt er in den Reihen seiner zerstrittenen, skeptischen Partei paradoxerweise an Statur: Der Vorwurf, Trimble lenke schließlich doch immer ein, ist entkräftet. Umgekehrt hat die IRA den Beweis erbracht, dass sie sich dem Diktat der Protestanten nicht beugt. Sie beteuert, irgendwann werde sie bestimmt abrüsten, aber eben zu einem Zeitpunkt ihrer eigenen Wahl. Beide Seiten haben somit einen Männlichkeitstest erfolgreich bestanden; könnten wir jetzt bitte zur praktischen Politik der kleinen Schritte zurückkehren? Denn Nordirland braucht eine stabile Regierung und den ständigen Nachweis, dass politische Methoden Probleme lösen. Wie das Fahrrad, das nicht stillstehen kann, sind Nordirlands Politiker zur Bewegung verdammt. Und gerade jetzt, wo es an den Berührungspunkten des konfessionellen Flickenteppichs knistert, wo Muskelmänner verschiedenster Provenienz nach Taten dürsten, ist eine ruhende Mitte unabkömmlich. Es scheint auffallend, mit welcher Gelassenheit London und Dublin den Ritualen der Nordiren zuschauen. Sie haben den gänzlichen Kollaps der nordirischen Selbstverwaltung verhindert, jetzt beginnt eine Galgenfrist von sechs Wochen. Alle kennen die Zutaten eines breiten Kompromisses, niemand will den ersten Schritt machen. Aber der kalkulierte Anschein der politischen Ohnmacht ist gefährlich: In einer Woche droht nämlich wieder eine Kraftprobe in Portadown, und das ist erfahrungsgemäß kein ersprießlicher Hintergrund für großzügige Gesten.

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