Meinung : Operation Preis-Polizei

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Von Ursula Weidenfeld

Eine bessere Idee hätte unsere Verbraucherschutzministerin Renate Künast kaum haben können. Einen Anti-Teuro-Gipfel wird es geben. Schon in der kommenden Woche. Und dann werden sich Verbraucherschutzministerin, Handel und Gaststätten über Einkaufsbons, Taxiquittungen und Speisekarten beugen. Und Preise fühlen. Die Ministerin reagiert damit auf die Klagen der Verbraucher, dass mit der Euro-Einführung vor allem die Preise für regional gehandelte Waren und Dienstleistungen gestiegen sind.

Klar ist: Das Treffen kann nur der erste Schritt sein. Die Verbraucherministerin darf nicht nur fühlen. Sie muss handeln. Für den Anfang muss bei den Gesprächen mindestens eine große Verzeih-mir-Werbe-Kampagne des Einzelhandels und des Gaststättengewerbes herauskommen. Und dann muss die lächerlich niedrig bewertete Inflationsrate (im Mai 1,2 Prozent) dem allgemeinen Preisempfinden der Verbraucher angepasst werden. Die statistische Preissteigerungsrate muss drastisch heraufgesetzt werden, etwa auf die gefühlten sechs Prozent.

Dazu reichen ein paar Handgriffe: Man nimmt einfach die Dinge aus dem Warenkorb, die im Augenblick nicht teurer werden. Waschmaschinen zum Beispiel. Oder Computer. Oder Badezimmerspiegel. Sachen, die nur alle fünf oder alle zehn Jahre gekauft werden, müssen schließlich auch nur alle fünf oder zehn Jahre in den Warenkorb, anstatt wie bisher die monatliche Statistik zu belasten. In der Zwischenzeit reicht es völlig aus, wenn beispielsweise im Winter die Gewichtung von Erdbeeren im Warenkorb, vor Ostern und Pfingsten die Bedeutung des Benzinpreises erhöht wird. Die kleinlichen Bedenken von Statistikern, Geldpolitikern und Volkswirten lassen sich mit dem Verweis auf anstehende Bundestagswahlen entkräften.

Wenn sich auf diese Weise die statistische Preissteigerungsrate der gefühlten Inflation angepasst hat, kommt der schwierigste Teil der Operation Preis-Sheriff: Die Preise müssen gedrückt werden. Die Teilnehmer des Anti-Teuro-Gipfels werden sich wieder treffen und über faire Preise für verschiedene Waren reden: Eine Taxifahrt beispielsweise sollte nicht mehr als fünf Euro kosten dürfen. Ein Essen im Restaurant ist mit zehn Euro allemal ausreichend bewertet. Brot braucht einen sozialen Preis, damit ihn alle bezahlen können: einen Euro also nur für das Brot. Und das Benzin? Sorry, Frau Künast, auch der Benzinpreis muss runter: maximal siebzig Cent sind verkraftbar .

Die Wirtschaftstheorie bietet im Großen und Ganzen zwei Möglichkeiten, ein Gemeinwesen zu organisieren: Die Eine ist, die Preise für Waren zu verhandeln und festzusetzen. Erdbeeren zum Beispiel gibt es dann das ganze Jahr über zu einem festen Preis. Benzin auch. Und Computer. Und Badezimmerspiegel. Gesellschaften, die sich so organisiert haben, haben immer faire Preise. Nur sind die dazugehörigen Waren dann nicht mehr immer verfügbar. Oder werden nur noch auf einem schwarzen Markt gehandelt. So war es in der DDR.

Die andere Möglichkeit ist, die Waren zu flexiblen Preisen zu handeln. In solchen, marktwirtschaftlichen Systemen gibt es die meisten Waren fast immer. Nur die Preise schwanken. Auch in diesem System wird nicht jedermann jederzeit alles kaufen. Manche Dinge werden manchem einfach zu teuer sein. Oder zu billig. Aber: Er kann sich entscheiden, ob er kauft oder nicht. Im Augenblick kauft er nicht.

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