Meinung : Osama sagt „Danke“

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Von Malte Lehming

Israel hat kühl kalkuliert. Auf der Waagschale lagen zwei Übel. Was ist schlimmer: eine kurze, weltweite Empörung oder die anhaltende Präsenz einer kritischen UN-Untersuchungskommission? Das Ergebnis liegt nun vor. Jenes internationale Team, das herausfinden sollte, was im palästinensischen Flüchtlingslager Dschenin während der jüngsten israelischen Militäroffensive geschah, wird seine Arbeit wohl endgültig nicht aufnehmen können. Das Kabinett in Jerusalem ist in seiner Ablehnung dieser Kommission stur geblieben. Damit hat sich Israel erneut ins Abseits gestellt, die Uno wurde geschwächt, Amerika blamiert, und die Palästinenser können sich ins Fäustchen lachen. Ihre Behauptung, es habe in Dschenin ein Massaker gegeben, wird nun ungeprüft in die Geschichtsschreibung eingehen. Das Debakel ist perfekt.

Im Unterschied zu sonst kann Israel diesmal nicht mit dem Finger auf einen feindlichen, einseitig gestimmten Sicherheitsrat zeigen. Die Einsetzung der Kommission wurde ursprünglich von der Scharon-Regierung selbst initiiert. Man habe nichts zu verbergen, hieß es vollmundig. Erst daraufhin wurde die entsprechende Resolution von den USA eingebracht und schließlich von der Weltgemeinschaft beschlossen. Zwei Wochen später ist klar: Keiner hält sich an sein Wort. Israel, von späten Skrupeln heimgesucht, schert sich nicht um seine Zusagen von gestern. Amerika hat kein Interesse daran, dass der Konflikt eskaliert. UN-Chef Kofi Annan gibt resigniert auf, weil die USA ihn im Regen stehen ließen.

Offenbar hat es hinter den Kulissen eine Absprache gegeben. Im Gegenzug für die israelische Zusage, Jassir Arafat wieder ein bisschen reisen zu lassen, verzichtet die Bush-Regierung darauf, weiterhin eine Aufklärung der Vorfälle von Dschenin zu fordern. Denn auch in Washington wird kühl kalkuliert. Die Nahost-Rede des Präsidenten war wirkungslos verhallt, die Reise von Außenminister Powell ohne Ergebnis geblieben. Um die Ohnmacht der letzten Supermacht etwas zu kaschieren, soll wenigstens die Aufhebung der Arafat-Belagerung als Erfolg gefeiert werden. Ein offener Streit mit Israel über das UN-Team hätte diesen Eindruck bloß getrübt.

Vordergründig geht das Kalkül auf, wahrscheinlich wird der Streit um Dschenin in den USA und Europa bald vergessen sein. Was freilich kein Bild einfängt, sind die Gespräche darüber in den arabischen Kaffeehäusern. Dort wurde das Vorurteil genährt, der Westen messe mit zweierlei Maß, Beschlüsse der UN würden nur umgesetzt, wenn sie sich gegen Muslime richten. Osama bin Laden und Saddam Hussein sagen Danke. Eine bessere Werbung für ihre Botschaften konnten sie sich kaum denken.

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