Pakistan : Mächte und Ohnmächte

Längst geht es am Hindukusch um mehr als die Taliban und etwaige Demokratisierungsprozesse. Es geht um die nächste Runde im Great Game – dem jahrhunderte alten Großen Spiel im Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien – der Region mit der größten Dichte an Nuklear- und Möchtegern-Nuklear-Mächten.

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Das zentrale Problem am Hindukusch heißt nicht Afghanistan. Es heißt Pakistan. Gemessen an den Maßstäben von 2001 hätte die Islamische Republik längst das Ziel einer militärischen Intervention sein müssen. Hier finden Al-Qaida-Chef Osama bin Laden und Talibankämpfer Unterschlupf. Hier werden in zehntausenden Koranschulen die islamistischen Extremisten der nächsten Generation ausgebildet. Und von hier wird der Terror ins Nachbarland exportiert. Aus den Reihen und mithilfe des mächtigen Geheimdienstes ISI erhalten die Aufständischen in Afghanistan Geld, Waffen und strategische Beratung. Pakistan spielt also ein doppeltes Spiel, als Verbündeter der USA und Helfer der Feinde.

Warum diese Schaukelpolitik? Im Wesentlichen aus drei Gründen. Erstens: Die 2500-Kilometer-Grenze, die das Land von Afghanistan trennt, ist eine künstliche. Sie stammt aus dem Jahr 1893, wurde von britischen Kolonialherren ersonnen und verläuft mitten durch paschtunisches Siedlungsgebiet. Im Zweifelsfall ist bis heute die Loyalität zu den Stammesangehörigen jenseits der Grenze größer als der Respekt vor der trennenden Linie. Daher die Verbundenheit mit den Kämpfern auf der anderen Seite.

Zweitens: Das pakistanische Denken ist geradezu obsessiv auf den Erzfeind Indien ausgerichtet. Nichts, gar nichts hat einen größeren Einfluss auf das Handeln der Mächtigen im Land – Regierung, Militär, Geheimdienst – als die Angst vor dem „Zangengriff“ Neu-Delhis. Indiens Engagement in Afghanistan sieht man daher mit größter Besorgnis. Der anstehende Abzug der Internationalen Schutztruppe macht es aus Sicht Islamabads umso dringlicher, über die Taliban Einfluss auf die künftige Machtverteilung zu nehmen.

Drittens: Pakistan pflegt zugleich das Bündnis mit den USA und geht jetzt auch gegen Extremisten im eigenen Land vor, weil das viele Milliarden Dollar und Waffen aus Washington bringt. Wie man in Islamabad überhaupt seit den Zeiten des Kalten Krieges mit dem Gefühl lebt, vom Rest der Welt nur wahr- und ernst genommen und mit Hilfe bedacht zu werden, wenn man ein Problem ist.

Warum aber lassen sich die USA dieses Hin und Her bieten? Wer solche Freunde hat, kämpft ja auf verlorenem Posten. Nun – Pakistan ist eine 170-Millionen-Einwohner-Atommacht, und der Welt ist daran gelegen, dass keine Radikalen Zugriff auf die Bombe bekommen. Zudem kann man sich seine Partner nicht immer aussuchen. Da Washington glaubt, nicht nichts tun und anderen das Feld überlassen zu können, muss es sich arrangieren. In Pakistan nicht anders als in Afghanistan, wo man den im Drogen- und Korruptionssumpf versunkenen Karsai-Clan auch lieber heute als morgen los wäre. Und schließlich will Amerika nicht auf dem Friedhof der Mächte enden, als der Afghanistan oft beschrieben wird. An der Heimatfront aber wächst der Druck, die Truppen zu reduzieren. Und die Einsicht greift Raum: Eine saubere Lösung gibt es nicht. Soll der Abzug nicht mit totalem Gesichtsverlust einhergehen und die Mission ein einigermaßen vertretbares Ergebnis haben, muss man zum einen die Feinde von gestern zu Gesprächspartnern aufwerten und zum anderen die Staaten der Region in die Lage versetzen, mehr Verantwortung zu übernehmen, sprich: Pakistan, Russland, Indien, China mehr einbinden.

Aber selbst dann hätten die USA das allergrößte Interesse daran, in der Region präsent zu bleiben. Denn längst geht es am Hindukusch um mehr als die Taliban und etwaige Demokratisierungs- oder Stabilisierungsprozesse. Inzwischen geht es, so viel zeichnet sich ab, um die nächste Runde im Great Game – dem jahrhundertealten Großen Spiel im Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien, der Region mit der größten Dichte an Nuklear- und Möchtegern-Nuklearmächten. Einer Region mit riesigen Vorkommen an Gas, Öl und Erzen. Einer Region vor allem, die sich bald mehr noch als bisher als der erste große Schauplatz jener Rivalität erweisen könnte, die die künftige Welt(un)ordnung bestimmen wird: des Ringens zwischen der Alt-Supermacht USA und dem aufstrebenden Riesenreich China.

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