Meinung : Patriotismus-Debatte: Gebt den Ball frei

Harald Martenstein

Unser Sohn spielt Fußball in der E-Jugend. In der Berliner E-Jugend sieht die Welt so aus: Ungefähr die Hälfte der Spieler hat türkische Eltern. In manchen Vereinen sind es sogar 80, 90 Prozent. Nur im Ostteil sind es deutlich weniger. Die deutschtürkischen Spieler sind meistens die besten. Immer, wenn ich ein Spiel der E-Jugend sehe, fallen mir folglich Laurenz Meyer, die CDU und die Patriotismus-Debatte ein.

Zum Thema TED: Kann man auf die Zugehörigkeit zu einer Nation stolz sein? Der deutsche Nachkriegspatriotismus und der deutsche Fußball - im Grunde sind es ja zwei Worte für die gleiche Sache. 4. Juli 1954, Bern, Gewinn der Weltmeisterschaft: Das war der Tag einer Wiederauferstehung. Der erste Tag, an dem man wieder stolz war, ein Deutscher zu sein. Und zwar auf harmlose Weise. Selbst bei den härtesten Linken, sogar mitten in den antipatriotischen 70er Jahren, ist es salonfähig gewesen, über Siege der Fußball-Nationalmannschaft zu jubeln. Fußball ist nun mal die einzige Variante des Nationalstolzes, die nach 1945 in Deutschland niemals infrage gestellt wurde, von keinem Milieu. Deswegen wird Fußball bei uns so wichtig genommen. Er ist ein Teil unserer nationalen Identität, und nicht der unwichtigste.

Die deutschtürkischen Wunder-Dribbler bleiben meistens in den deutschen Vereinen, bis sie 16, 17 Jahre alt sind. Dann wechseln sie - falls Fußball mehr sein soll als ein Hobby - in rein türkische Klubs ihrer Stadt. Die Besten gehen in die Türkei. Die Türkei wird im Fußball übrigens immer stärker. Die Deutschen dagegen sind immer schwächer geworden. Einige ihrer talentiertesten Spieler wollen sie oder können sie ja nicht integrieren. Sie setzen nicht auf das Talent, diese Deutschen, sondern auf die Abstammung. Ihre Mannschaft ist ethnisch rein, im Gegensatz zu den Franzosen - den Weltmeistern -, oder den Holländern, oder den Briten. Die sind alle bunt. Kaum ein Experte bezweifelt, dass es da einen Zusammenhang gibt. Die Deutschen haben den Multikulti-Zug verpasst. Warum? Die CDU macht den deutschen Fußball kaputt, mit ihrem hoffnungslos altmodischen Begriff von Nation und Vaterland, der die deutsche Ausländerpolitik der letzten Jahrzehnte bestimmt hat.

Im Fußball erkennt man es am besten. Den Widerspruch zwischen der Welt von heute und einem Begriff der Nation, der aus dem 19. Jahrhundert stammt. Es kommt in der Welt von heute unter anderem darauf an, die besten Talente an sich zu binden. Attraktiv zu sein. Dieses Rezept gilt in recht ähnlicher Weise für Firmen, für Fußball-Nationalmannschaften und für Staaten. Wer in den Zuwanderern eine Bedrohung sieht und keinen Innovationsschub, der betrügt die Nation um mögliche Erfolgserlebnisse. Firmen, die sich gegen Impulse von außen abschotten, machen meistens Pleite.

Wir, die deutschen Fernseh-Fußballzuschauer, wollen endlich wieder stolz sein dürfen. Heute spielen die Deutschen gegen Albanien. Sie sind Favorit. Immerhin. Aber wer weiß, wie es im Jahre 2018 aussieht. Dann sind aus den besten E-Jugend-Spielern von heute Nationalspieler geworden. Für welches Land? Wenn dann Deutschland in der WM-Vorrunde gegen Albanien oder gegen die Türkei ausscheidet, wird Laurenz Meyer uns einige kritische Fragen beantworten müssen.

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