Meinung : Platz für Träume

Abi-Beilage 2011 vom 27. Juni

Ach ja, unsere Abiturienten haben es wieder geschafft! Erleichterung umspült das bildungsbürgerliche Selbstverständnis. Gab es auch noch andere Schulabgänger? Na ja, die Realschüler und die Hauptschüler, die haben auch einen Schulabschluss erworben. Aber Absolventen der Sekundarschule, also einer Schule des sekundären gleich nachgeordneten Bildungsbereichs, haben eben kein Abitur, und wer weiß, welche Zeitungen deren Eltern lesen, von den Schülern ganz zu schweigen. Wenn Bildung „Emanzipation, Urteilskraft, Differenzieren und kulturelle Teilhabe“ bedeutet, so Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, weiß ich als Lehrerin, dass sich auch Haupt- und Realschüler in der überwiegenden Zahl intensiv um das Erreichen ihrer Schulabschlüsse bemühen und durchaus auch im vorgenannten Sinne bilden, um gesellschaftliche Teilhabe sinnvoll zu praktizieren. Aber auch hier hat man sie schon bestimmten Bereichen zugewiesen. So ist die Situation in der Altenpflege dramatisch, deshalb „müsste schon heute jeder dritte Haupt- oder Realschüler in die Pflege gehen“, um ausreichend Personal zu schaffen. Was fällt uns eigentlich ein, junge Menschen aufgrund ihrer Schulabschlüsse gesellschaftlich zu platzieren, statt uns der Vielfalt ihrer individuellen Möglichkeiten, Fähigkeiten und Träume zu öffnen und sie dabei zu unterstützen, ihren Platz zu finden. Sein Abitur bestanden zu haben, verdient Respekt, aber ebenso das Erreichen jedes erarbeiteten Schulabschlusses.

Hildburg Freynik, Berlin-Grunewald

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