Polio und Masern : Die Politik muss gegen Seuchen kämpfen

Der Schlüssel zur Eindämmung von Seuchen liegt meist in der Hand der Politiker. Auch in Afghanistan werden Polio und Masern bekämpft - zum Teil mit fatalen Folgen für Impfaktivisten.

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Zwei Bundeswehrsoldaten in Seuchenschutzanzügen
Freiwillige Helfer der Bundeswehr in Seuchenschutzanzügen helfen bei der Seuchenbekämpfung.Foto: dpa/ Bodo Marks

Seuchen sind die politischsten aller Krankheiten. Als der Hygieniker Max von Pettenkofer 1854 vorschlägt, die Münchener Abwässer in einem unterirdischen Kanalsystem zu sammeln, bekommt er es mit den Mächtigen der Residenzstadt zu tun. Die Bauern wollen nicht auf den Gratisdünger und die Einnahmen verzichten, die ihnen der Abtransport der Exkremente von den öffentlichen Sammelplätzen beschert. Die Schlachter wehren sich dagegen, dass die Entsorgung von Tierabfällen auf den Straßen verboten werden soll. Schließlich lehnt der Magistrat das teure Projekt ab.

Auch heute liegt der Schlüssel zur Eindämmung der Seuchen in der Hand der Politik. An Masern sterben fast 160 000 Menschen im Jahr, die meisten davon Kleinkinder in Entwicklungsländern – obwohl es seit vier Jahrzehnten einen Impfstoff gibt. Kleinere Ausbrüche in Mitteleuropa, wie zuletzt in Berlin, Bayern und einer Waldorf-Schule bei Köln, lassen die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht aufflammen. Im Wahljahr ist der Aktionismus erwartungsgemäß besonders groß. Dabei hat die freiwillige Impfquote, dank erfolgreicher Aufklärung, in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und in vielen Regionen die 95-Prozent-Marke überschritten: Ab diesem Wert kann sich das Virus nicht mehr effektiv verbreiten, so dass die Krankheit allmählich ausstirbt.

Masernpartys kommen wieder in Mode

Ob sich der harte Kern der Impfgegner durch einen Immunitätstest für Schulkinder bekehren ließe, darf bezweifelt werden. Zu befürchten wäre vielmehr, dass die gefährlichen „Masernpartys“ wieder in Mode kommen, bei denen Kleinkinder durch vorsätzliche Ansteckung immunisiert werden. Notwendig ist beharrliche Überzeugungsarbeit bei den Eltern und esoterisch verirrten Kinderärzten.

Weit weniger mediale und politische Aufmerksamkeit erfährt die Seuchenbekämpfung in den Regionen der Erde, wo die Infektionserreger am schlimmsten wüten: Pakistan, Afghanistan und Nigeria sind Epizentren der Masernpandemie, und auch die Kinderlähmung ist in diesen Ländern immer noch außer Kontrolle. Radikale Imame verteufeln die Impfkampagnen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Versuch des Westens, Muslime mit Aids zu infizieren und ihre Töchter zu sterilisieren.

Seitdem der US-Geheimdienst 2011 eine Impfaktion im pakistanischen Abbottabad inszenierte, um an DNA-Proben von Osama bin Ladens Kindern heranzukommen, hat sich die Lage verschärft. Im muslimischen Norden Nigerias und den von Paschtunen kontrollierten Gebieten Pakistans und Afghanistans werden regelmäßig Impfaktivisten ermordet. Weil sie mit Kreide an den Häusern die Zahl der Geimpften festhielten, wurde den WHO-Mitarbeitern sogar unterstellt, Ziele für die gefürchteten Drohnenangriffe der USA zu markieren. Mehrere Stammesführer, die mit den Impfkampagnen kooperierten, wurden von Taliban getötet. Inzwischen wagen sich WHO-Vertreter kaum noch in das Paschtunengebiet. Wie die Impfkampagnen nach dem Rückzug der Nato aus Afghanistan fortgeführt werden sollen, ist unklar.

Ein Konzept für die Seuchenbekämpfung nach dem Truppenabzug vom Hindukusch wäre dringend vonnöten, wenn der globale Krieg gegen Polio und Masern Erfolg haben soll. Afghanistan und die Drohnen eignen sich offenbar nur als innenpolitische Wahlkampfthemen – die humanitäre Katastrophe durch den Vormarsch der Seuchen bleibt außen vor.

Dabei sind uns die Seuchen der Entwicklungsländer näher, als man vermuten möchte. In Mitteleuropa werden Masernausbrüche mittlerweile häufig durch importierte Virusstämme ausgelöst. Und wenn sich die Kinderlähmung wieder nach China und Tadschikistan ausbreitet, rückt die erhoffte Ausrottung dieser Menschheitsgeißel in weite Ferne.

Auch zu Pettenkofers Zeiten wurde die Politik erst wachgerüttelt, als eine Seuche an die eigenen Stadttore klopfte. Nachdem man die Warnungen des Hygienikers zunächst in den Wind geschlagen hatte, brach 1872 die Cholera aus, im Folgejahr musste sogar das Oktoberfest ausfallen. Das war für die Münchner dann doch Grund genug, ihre Hauptstadt mit einer leistungsfähigen Kanalisation zu versehen.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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