Meinung : Polnische Geschichtsstunde

Alexander Gauland

Das war schon eine interessante Geschichtsstunde, die der polnische Präsident Kaczynski in der Humboldt-Universität gehalten hat, weniger wegen seiner politisch inkorrekten Verurteilung einer Kultur der Homosexualität als wegen seiner Bemerkungen zu Europa, die wieder einmal deutlich machen, wie verschieden die europäischen Zielsetzungen in Paris, Berlin oder eben Warschau sind. Die Polen, so kann man es zugespitzt formulieren, möchten die Gemeinschaft um all jene Staaten erweitern, die von der früheren Sowjetunion losgebrochen sind und jetzt Russland nach Osten verschieben. Und damit Russland nie mehr die polnische Staatlichkeit bedrohen kann, werden die Amerikaner zum Mittun in Europa eingeladen, Russen und Deutschen zur Warnung.

Es ist eine zeitgemäße Fortschreibung der alten Definition des Nato-Generalsekretärs Lord Ismay, der die Amerikaner drinnen, die Russen draußen und die Deutschen klein halten wollte. Es ist keine Staatsraison der europäischen Gemeinschaft, sondern die polnische Staatsraison, gesättigt mit leidvollen geschichtlichen Erfahrungen.

Dagegen spräche nichts, wenn die polnischen Ziele mit den deutschen und französischen kongruent wären, doch das sind sie mitnichten. Während die Polen die Russen seit den polnischen Teilungen über die Aufstände von 1830 und 1863 bis zur Roten Armee vor Warschau im Jahre 1920 erlitten haben und erst im Moment des Zusammenbruchs der beiden Kaiserreiche ihre Unabhängigkeit zurückgewannen, die von Hitler und Stalin noch einmal mit Stiefeln getreten wurde, verdankt Preußen seinen Aufstieg und Deutschland seine Einheit dem östlichen Nachbarn. Ohne den Seitenwechsel der Russen wäre Preußen schon 1763 zu Ende gewesen und ohne die Fürsprache des Zaren in Tilsit als Staat von Napoleon ausgelöscht worden. 1813 siegte es mit Russland und nach dem Krimkrieg akzeptierte das Zarenreich das preußische Kaiserreich als Dank für Treue in der Not, die der alte habsburgische Verbündete der Heiligen Allianz hatte vermissen lassen.

Noch Rapallo war ein spätes Echo des preußisch-russischen Zusammenstehens. Polen hat Russland über 200 Jahre erlitten, Deutschland hat sich nur 40 Jahre vor der Sowjetunion gefürchtet. Für Polen ist alles - die EU, sein Bündnis mit Amerika und sein Verhältnis zu Deutschland - Funktion seines antirussischen Instinkts, Deutschland hat nach dem Ende der Sowjetunion die Chance, seine traditionellen Beziehungen zu Russland wieder aufzunehmen. Was einmal Rückversicherung gegen anglo-französische Dominanz und österreichischen Leichtsinn war, ist heute eine sichere Energieversorgung und ein Element des Gleichgewichts gegenüber der alles dominierenden amerikanischen Weltmacht.

An den so unterschiedlichen Zielen von Warschau und Berlin kann man den weiten Weg zu einer gemeinsamen europäischen Politik ermessen, die eben noch immer Ausfluss nationaler Erfahrungen und Geschichte ist. Wenn das aber schon für die Nachbarn desselben Kulturkreises als eine fast unlösbare Aufgabe erscheint, um wie viel mehr noch für die Nachfahren des osmanischen Reiches. Kaczynskis Rede in Berlin war eine Warnung zur rechten Zeit: Es hat keinen Zweck, ein paar hundert Jahre nationale Identität in einem europäischen Über-Ich auslöschen zu wollen.

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