PORTRÄT ABDULLAH ÖCALAN INHAFTIERTER PKK-CHEF: : „Eine neue Ära hat begonnen“

Mehr Rechte für die Kurden und ein endgültiger Abschied vom Traum vom eigenen Kurdenstaat: So sollte nach Ansicht des inhaftierten PKK- Chefs Abdullah Öcalan eine Lösung des Kurdenkonflikts aussehen.

Thomas Seibert

Mehr Rechte für die Kurden und ein endgültiger Abschied vom Traum vom eigenen Kurdenstaat: So sollte nach Ansicht des inhaftierten PKK- Chefs Abdullah Öcalan eine Lösung des Kurdenkonflikts aussehen. Der auf der Gefängnisinsel Imrali einsitzende Öcalan umriss jetzt die Grundzüge einer „Road Map“, die detaillierte Vorschläge enthalten soll und die er im Laufe dieser Woche vorstellen will. „Eine neue Ära hat begonnen“, sagte Öcalan beim jüngsten Treffen mit seinen Anwälten.

Seit zehn Jahren sitzt der heute 61-Jährige als einziger Häftling in Imrali ein. Vom Beginn des bewaffneten Kampfes seiner PKK-Rebellen im Jahr 1984 bis zu seiner Festnahme 1999 war Öcalan der türkische Staatsfeind Nummer eins. Der Rebellenchef mit dem markanten Schnauzbart propagierte einen eigenen Kurdenstaat, ließ seine Kämpfer mitunter auch gegen Zivilisten losschlagen und ging rücksichtslos gegen Dissidenten in der eigenen Organisation vor.

Nach zehn Jahren Haft will Öcalan nun in die Rolle des Friedensstifters schlüpfen. Seit Wochen arbeitet er in seiner Einzelzelle an einem Vorschlagspaket, dass er in einem Notizblock handschriftlich niedergelegt haben soll. Demnach strebt Öcalan keinen Kurdenstaat mehr an, sondern plädiert für eine Lösung des Kurdenkonflikts innerhalb des türkischen Staates.

Ankara akzeptiert den Rebellenchef zwar nicht als Gesprächspartner – dennoch dürfte Öcalans „Road Map“ in der Regierung und bei den Militärs aufmerksam studiert werden. Denn damit könnte der von vielen Kurden immer noch bewunderte Öcalan einen Beitrag dazu leisten, den seit 25 Jahren anhaltenden Konflikt endlich beizulegen: Kern des Plans ist, dass die Kurden alle separatistischen Pläne zu den Akten legen. Im Gegenzug müsse Ankara den Kurden weitgehende Autonomierechte gewähren. Die Türkei erlebe eine Zeit, die ähnlich bedeutend sei wie die Gründungsphase der Republik in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, meint der Kurdenführer.

Öcalan zählte seinen Anwälten auf, was er unter kurdischer Selbstverwaltung versteht: kurdische Sportvereine, kurdische Schulen, kurdische Lokalbehörden. Zudem verlangt er kurdische „Selbstverteidigungskräfte“, also kurdische Milizen, die Streitfälle innerhalb der Kurden beilegen sollen. Damit dürfte er in Ankara kaum Zuspruch finden. Ein Zwischenziel hat Öcalan allerdings bereits erreicht: Man redet wieder über ihn. Thomas Seibert

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