PORTRÄT ANDREAS NACHAMA TOPOGRAPHIE-DIREKTOR: : „Lieber eine Hütte als einen Palast“

Claudia Keller

Jeden Freitagabend legt sich Andreas Nachama Talar und Gebetsschal um. Konservative und Orthodoxe in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin rollen die Augen, wenn sie daran denken, was sich dann in der Synagoge in Zehlendorf abspielt. Denn beim Gottesdienst mit Rabbiner Nachama sitzen selbstverständlich Männer und Frauen nebeneinander, viele Gebete werden auf Deutsch gesprochen. Auch eine Prise Selbstironie fehlt selten – frei nach dem Motto „keiner von uns ist Moses“.

Wie viel auch gespottet wird, immer mehr finden Gefallen an Nachamas gelassener Art. Mittlerweile kommen so viele zum liberalen Gottesdienst, dass der Nebenraum in dem Kirchengebäude am Hüttenweg, den die Gemeinde nutzt, zu klein geworden ist. Nachama sucht gerade ein größeres Haus für bis zu 300 Leute.

Nachama, 56 Jahre alt, notorischer Schnauzbartträger und Sohn des ehrwürdigen Berliner Oberkantors Estrongo Nachama, setzt auf die Kraft des Faktischen. Reißerische Ankündigungen und große Worte liegen ihm nicht. Immer wieder hat ihm die Führung der Jüdischen Gemeinde das Leben schwer gemacht. Nachdem er von 1997 bis 2001 als Vorsitzender die Gemeinde zu führen versucht hatte, trennte man sich im Streit. Später stellte die Kultusabteilung sein Rabbinerdiplom infrage, dann wurde mit der Kürzung der Zuschüsse für den Hüttenweg gedroht. Nachama hat die Angriffe abgefedert, seine Sache weitergeführt – und sich durchgesetzt. So ähnlich ist es ihm auch in seiner hauptberuflichen Arbeit ergangen, als geschäftsführender Direktor der Stiftung „Topographie des Terrors“.

Von Anfang an war er gegen den „selbstverliebten“ Entwurf des Stararchitekten Peter Zumthor für die Gedenkstätte an der Wilhelmstraße. Ein Prachtbau vertrage sich nicht mit dem Ort der Täter, sagte Nachama schon vor zehn Jahren. Schließlich kann man im Untergeschoss noch die Folterkeller der Gestapo besichtigen. Er wünschte sich „lieber eine Hütte als einen Palast“. Die bekommt er nun. Heute wird der erste Spatenstich gesetzt für einen unspektakulären, aber funktionalen Neubau. „Ein sehr stimmiges Konzept“, sagt der Hausherr. Er hofft, 2010 die erste Ausstellung im neuen Haus eröffnen zu können.

Die Spuren der Vergangenheit sichern, das liegt dem gelernten Historiker Nachama am Herzen – ob das in Berlins Mitte ist, auf dem Obersalzberg oder auf dem Gelände eines ehemaligen Barackenlagers in Schöneweide. Und er wäre kein religiöser Mensch, wenn er nicht hoffnungsvoll in die Zukunft blickte. Als er 1964 seine Bar Mizwa feierte, sagte sein Rabbiner zu ihm: Im Jahr 2000 wirst du einer von 800 Juden sein, die noch in Berlin leben. Heute sind es 12 000. Claudia Keller

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