PORTRÄT ANNE WILL ARD-MODERATORIN: : „Ich vertraue auf das intensive Gespräch“

Die Situation ist neu für Anne Will. Die Fernsehjournalistin wird kritisiert, hart sogar. Sechs Monate nachdem „Anne Will“ am Sonntagabend auf dem zentralen Talkshowplatz im Ersten „Sabine Christiansen“ abgelöst hat, hagelt es in einem Protokoll des ARD-Programmbeirats böse Worte.

Joachim Huber

Entgegen den Ankündigungen vor dem Start im September 2007 habe es „bislang keine deutlichen Änderungen gegenüber ,Sabine Christiansen‘ gegeben“, heißt es da. Das Studio sei „starr und wenig flexibel“, die Moderatorin habe „Fakten nicht schnell genug präsent“. Bemängelt wurde zudem „das Timing“ des 60-Minuten- Talks, der „oft abrupt“ ende.

Natürlich eilte der verantwortliche NDR sofort zu Hilfe. Fernsehdirektor Volker Herres sagte, „Anne Will“ habe mit durchschnittlich 3,9 Millionen Zuschauer die Erwartungen mehr als erfüllt, über alle Sendungen im Ersten werde ständig ein offener und kritischer Dialog geführt. Eines muss die Journalistin wirklich nicht fürchten: dass die ARD sie fallen lässt. Die 42-jährige Kölnerin ist ein Kind des Systems, sehr gefördert, sehr geschätzt, von einer Stufe auf die nächst höhere gehoben. Aber kein Hätschelkind! Welche Sendungen auch immer Anne Will moderiert hat, sie hat es mit großer innerer Ruhe und einer sichtbaren Sicherheit im Stoff getan. Die Talkshow „Mal ehrlich“ und der „Sportpalast“ beim SFB, die Medienshow „Parlazzo“ beim WDR, die erste Frau bei der „Sportschau“ und dann, 2001, der erste Zacken in der Krone: Moderation der „Tagesthemen“. Sechs Jahre lang hat sie das Nachrichtenjournal in Hamburg präsentiert, ihre unprätentiöse Präsenz, passgenaue Texte und hartnäckige Interviews brachten ihr Ruhm, Ehre, Preise und die Nachfolge von Sabine Christiansen ein – „Anne Will“.

Die Journalistin wurde auch Unternehmerin, gründete in Berlin die Will Media GmbH. Sie liefert der ARD mehr als 40 Sendungen im Jahr, die Entlohnung ist fürstlich. Dafür weht plötzlich ein kalter Wind. Das Publikum ist da, trotzdem fehlt der Talkshow die publizistische Nachhaltigkeit. Kaum zu Ende, schon vergessen, „Anne Will“ findet statt, wo der frühere Konkurrent um den Sendeplatz, „Hart, aber fair“ mit Frank Plasberg, debattenfähig ist. „Anne Will“ wirkt interessant, „Hart, aber fair“ ist relevant. Die Moderatorin hat reagiert, Redaktionsleitung und Pressesprecherin ausgetauscht. Doch der Eindruck bleibt: „Anne Will“ ist die Fortsetzung von „Sabine Christiansen“.Joachim Huber

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