PORTRÄT CEM ÖZDEMIR GRÜNEN-POLITIKER: : "Ich stehe zur Verfügung"

Erst wollte gar niemand antreten, nun wird es plötzlich eng: Im Rennen um die Nachfolge von Reinhard Bütikofer als Grünen-Chef hat nach dem Berliner Fraktionschef, Volker Ratzmann, nun auch der Europaabgeordnete Cem Özdemir seinen Hut in den Ring geworfen.

Hans Monath

Es wäre das Comeback eines politischen Naturtalents, das weit über das grüne Milieu hinaus Sympathien findet – wenn die Partei sich im Herbst tatsächlich für den Sohn türkischer Einwanderer aus Schwaben entscheiden wird. Doch ausgemacht ist es keineswegs, dass der 42-Jährige sich durchsetzt und die Stellung der Realpolitiker in der Führung der Ökopartei stärken kann. Die Lage ist kompliziert. Noch vor wenigen Wochen hatte der Vater einer Tochter abgewinkt und erklärt, dass er wieder in den Bundestag einziehen wolle.

Dort wirkte der Sozialpädagoge, der für junge Einwanderer fast zum Rollenmodell wurde, von 1994 an als Innenpolitiker. Die Grünen müssten schon extrem nachtragend sein, wenn sie ihm seine Rolle in der Affäre um Bonusmeilen noch nachtragen wollen. Als im Sommer 2002 Berichte über einen günstigen Privatkredit von PR-Berater Moritz Hunzinger und über die private Nutzung der Meilen erschienen, zog der Deutschtürke harte Konsequenzen und verließ den Bundestag. Auch prominentere Grünen-Politiker waren mit den Dienstmeilen privat durch die Welt gejettet. Doch die grüne Seele verlangte ein Bauernopfer. Inzwischen bemüht sich Özdemir um den Nachweis, dass er gelernt hat. So spendete er am Montag 5000 Euro an die Menschenrechtlerinnen von „Terre des Femmes“. Das Geld stammt aus der Aufwandsentschädigung, die er für seine Arbeit im Beirat der Vodafone-Stiftung erhielt.

Doch neben der Uneinigkeit der Realpolitiker im Ringen um mehr Einfluss gibt es noch andere Hürden. So haftet Özdemir aus seiner Frühzeit der Ruf an, über seinen glanzvollen Auftritten in den Talkshows dieser Republik die harte Arbeit am Detail vernachlässigt zu haben – und die ist im Amt des Parteichefs wichtig. „Früher war er ein Hallodri“, sagt selbst ein Vertrauter. Doch Özdemir sei heute ein anderer als damals, behaupten seine Unterstützer. So habe er im Europäischen Parlament viele Themenfelder kompetent bearbeitet.

Die zweite Hürde ist die Konkurrenz um die baden-württembergischen Listenplätze. Wenn Özdemir dort im Oktober scheitert, sinken seine Chancen: Einen Geschlagenen werden die Grünen kaum an die Spitze wählen. Hans Monath

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