PORTRÄT DAVID GRAEBER „SCHULDEN“-AUTOR: : „Amerika ist keine Demokratie“

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Seine Deutschland-Tournee hat er soeben in Berlin abgeschlossen. David Graebers dickes rotes Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ ist schnell zum Bestseller geworden. Obwohl der 51-jährige amerikanische Anthropologe und Ethnologe seine Erkenntnisse in den tiefsten Tiefen und auch schon mal entlegenen Gefilden der Menschheitsgeschichte schürft, zieht er aktuell die Massen. Natürlich auch mit der vom Graeber-Fan und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher werbewirksam zitierten These: „Jeder Umsturz, jede Revolution beginnt mit Schulden, welche die Gesellschaft nicht mehr bezahlen kann.“ Vor über 600 Zuschauern im Berliner Admiralspalast bekundete Ex-Vizekanzler und SPD-Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier als Moderator seine grundsätzliche Bewunderung für Graebers „unheimlich spannendes Buch“. Doch fragte er auch skeptisch nach: „Was hilft uns das Beispiel eines afrikanischen Stamms vor 3000 Jahren bei der Lösung heutiger globaler Probleme?“ Graeber, ein untersetzter freundlicher Mann, der sich ungern als „Mastermind“ der Occupy-Bewegung bezeichnen lässt („,Pionier’ wäre schon schmeichelhaft genug“), antwortet in solchen Fällen nicht unbedingt konkret. Aber intelligent: „Wenn wir sehen, dass bei vermeintlich primitiven Gesellschaften viele unterschiedliche Lösungen für bestimmte Probleme existieren, es in unserer Hightech-Zivilisation jedoch heißt, bestimmte Problemlösungen seien ,alternativlos’, dann erscheint mir dieser Mangel an Optionen als Rückschritt. Wir brauchen also mehr Kreativität und Mut.“ Kredite und Schulden seien nichts weiter als „ein gesellschaftliches Versprechen“, das man unter neuen Bedingungen auch ändern und brechen dürfe. Wenn Geldbeziehungen zu einer absoluten Moralfrage gemacht würden, dann sei das nur die Moral der jeweils Mächtigeren. Die herrsche heute in den USA: „Amerika ist keine Demokratie, sondern eine Plutokratie. Ein Prozent hat mehr Macht als 99 Prozent.“ Das ergab viel Beifall im durchaus bürgerlichen Berliner Publikum, während Steinmeier dazu sibyllinisch lächelte. Auch als ihn sein zweiter Gast, der Bestsellerphilosoph Richard David Precht, nach der Zerlegung übermächtiger Großbanken fragte, wich Steinmeier aus. Er könne allein mit den bodenständigen „deutschen Volksbanken nicht das Weltfinanzsystem“ revolutionieren. Merkwürdig nur: Über Griechenland sprach keiner an diesem Abend. Peter von Becker

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