PORTRÄT : „Deutschland ist das liberalste Land Europas“

Ein Portrait über den Satire-Künstler Jan Egesborg.

Christina Tilmann

Ärger sind sie gewohnt. Seit sie den damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin im Mai 2007 auf Plakaten mit dem zweideutigen Satz „ErschieSSt Putin – gefolgt von dem deutlich kleiner gedruckten Wort – Journalisten?“ begrüßten, stünden sie auf Putins Todeslisten, hat der dänische Satirekünstler Jan Egesborg, Mitglied der Künstlergruppe Surrend, erzählt. In Wien, wo er das Putin-Plakat zu dessen Staatsbesuch aufhängte, wurde er prompt festgenommen, wegen Aufforderung zu einer Straftat.

Nun hat es wieder Ärger mit Surrend-Plakaten gegeben, diesmal in Berlin. Eine Galerie in Moabit, die Werke der Künstlergruppe zeigte, musste nach Protesten muslimischer Nachbarn aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Die aufgebrachten Gäste hatten damit gedroht, Steine zu werfen. Heute wird mit dem Bezirk über eine Wiederöffnung unter Polizeischutz beraten. Egesborg reagierte verwundert. Er habe sich in Deutschland immer mehr zu Hause gefühlt als in Dänemark: „Deutschland ist das liberalste Land Europas“.

Der Ärger indes war vorhersehbar. Ein Surrend-Plakat in der Ausstellung zeigt die Kaaba in Mekka samt Pilgermassen unter der Überschrift „Dummer Stein“. Man muss nicht an den dänischen Karikaturenstreit zurückdenken, an die „Idomeneo“-Diskussion in der Deutschen Oper oder an den Plan des deutschen Künstlers Gregor Schneider, zur Kunst-Biennale in Venedig 2005 ein schwarzes, an die Kaaba erinnerndes Quadrat mitten auf den Markusplatz zu stellen – auch diese Kunstaktion wurde aus Sorge vor Protesten abgesagt.

Was in Berlin zur Debatte steht, ist die Grenze zwischen Satire und Provokation. Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit schön und gut. Es haben dann auch alle berufenen Stellen gleich gegen Zensur und für die Wiederöffnung plädiert. Und Gewalt, Verbot, Druck ist sicher kein zulässiges Mittel der Diskussion. Doch geht es wirklich um satirische Kritik an religiösem Extremismus, wie Surrend betont, oder um die vergleichsweise sinnfreie Veralberung religiöser Symbole?

Das Problem ist: Bislang hatten Surrend sich immer gegen die „Bösen“ gewandt. Gegen Putin, gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, gegen die polnischen Zwillingsbrüder Jaroslaw und Lech Kaczynski. Nun, in Berlin, soll es um rechtsradikale Propaganda und die krude Verschwörungstheorie des „Zionist Occupied Government“ gehen. Der Kaaba-Bezug ist dabei nicht unbedingt einleuchtend. Christina Tilmann

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