Porträt George Osborne : "Masochismus-Strategie" eines Schatzkanzlers

Niemand nennt ihn jetzt noch "Boy George", wie einst, als man ihn für ein Leichtgewicht hielt. Heute ist George Osborne britischer Schatzkanzler und legt am heutigen Mittwoch im Unterhaus den härtesten Sparetat seit Menschengedenken vor

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Schatzmeister George Osborne
Schatzmeister George OsborneFoto: REUTERS

Ziel der "Masochismus-Strategie", wie die Opposition sie nennt: die Briten aus ihrem Schuldenloch zu bringen. Es sei wie mit einer Kreditkarte, erklärte der 39-Jährige, jüngster Schatzkanzler seit 120 Jahren: "Je länger man wartet, desto schlimmer wird es. Man zahlt mehr Zinsen. Man zahlt Zinsen auf die Zinsen. Und Zinsen auf die Zinseszinsen."

Es war ein Wagnis, als der damalige Parteichef Michael Howard 2005 "Boy George" als Schatten- Schatzkanzler gegen den großen Gordon Brown in den Kampf schickte. Aber Osborne identifizierte schnell die Schwachstelle dieses Goliaths und schleuderte ihm wie ein frecher David unaufhörlich den Satz ins Gesicht: "Sie haben das Dach nicht repariert, als die Sonne schien. Nun sind wir schutzlos dem Sturm ausgeliefert."

Howard sah in Osborne seinen Nachfolger, den weitsichtigen Strategen, der die Tories wieder an die Macht führen würde. Aber gerade wegen seiner Weitsicht verzichtete Osborne. Er hielt sich für zu jung und sah in David Cameron den besseren Kommunikator – und wurde dessen Wahlkampforganisator.

Seitdem gelten die beiden als Kopf und Herz der Partei. Man vergleicht sie mit Gordon Brown und Tony Blair, nur ohne Rivalität. Beide haben adlige Vorfahren, Osborne ist Sprössling des irischen Landadels. Beide haben familiäres Geld, beide gingen auf teure Privatschulen, studierten in Oxford und waren Mitglieder des notorischen Bullingdon Club, bei dem man auch die wildesten Saufgelage im Frack absolviert. Beide wohnen in Notting Hill West und beide radelten, als sie noch nicht in der Regierung waren, mit dem Fahrrad ins Parlament.

Seit Monaten tobt die Debatte, ob Osborne die Wirtschaft rettet oder ihr den letzten Lebenssaft raubt. „Das Schuldenproblem anzupacken, stärkt das Vertrauen von Unternehmern und Konsumenten”, schrieben Unternehmenslenker an den „Daily Telegraph“. „Er hat Wirtschaft in den Märchenbüchern von Hans Christian Andersen gelernt“, wettert Wirtschaftsprofessor David Blanchflower. Der Schatzkanzler bleibt ungerührt. Seine Botschaft an die Briten lautet: „Aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch morgen die Sonne wieder aufgehen.“ Matthias Thibaut

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