PORTRÄT HORST KÖHLER, BUNDESPRÄSIDENT : "Einvernehmen, das Russland einschließt"

Warum dem Bundespräsidenten die Beziehungen zu Russland eine Herzensangelegenheit sind.

Gerd Appenzeller
Koehler
Horst Köhler -Foto: dpa

Für jene Beobachter, die nicht so genau zuhörten, weil sie dachten, sie wüssten schon, was gesagt werden wird, war es eine der in diesen Tagen häufig vorkommenden, weihevollen Gedenkreden. Wohlverdient für jene, deren Anteil am Fall der Mauer zu berühmen war. Ehrend für Sender und Empfänger der Botschaft. So würdigte Bundespräsident Horst Köhler jene großen Männer, die im Herbst 1989 und den Monaten danach Geschichte gemacht hatten: den damaligen US-Präsidenten George Bush, den einstigen Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, und den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl, der jetzt erneut den Mantel der Geschichte beschwor, den man nicht nur sehen, sondern auch ergreifen und vor allem festhalten müsse.

Aber in all den Köhler’schen Lobreden auf die Werte der freien westlichen Welt entdeckten die, die nicht nur hörten, sondern auch verstanden, einen dreifachen, eindringlichen Appell an die Europäer, den großen Nachbarn im Osten, Russland, mit einzubinden in den zusammenwachsenden Kontinent. Das war dem Bundespräsidenten offenbar so sehr Herzensanliegen, dass er es mehrfach aufnahm: ein europäisches Einvernehmen in der Außen- und Sicherheitspolitik, das auch Russland einschließt; mit Russland und den anderen GUS-Staaten eine Partnerschaft für Gesamteuropa entwickeln; gemeinsam mit Russland für Recht und Freiheit eintreten.

Das wäre allein noch nicht überraschend, wenn man diese emotional gefärbten, fast schon beschwörenden Worte nicht gegenschneiden würde zu den einschlägigen Passagen im schwarz-gelben Koalitionsvertrag. Da klingt es pflichtschuldig-deskriptiv und fast ein wenig schulmeisterlich, wenn die Frage behandelt wird, wie man Russland auf dem Weg zu Freiheit und Demokratie anleiten könne. Dieser Bundespräsident, selbst politisches Geschöpf einer ersten, dann aber zunächst am 2005er-Wahlergebnis gescheiterten schwarz-gelben Gemeinsamkeit, hat schon mehrfach demonstriert, dass er seine sehr klaren Vorstellungen von Moral und Gerechtigkeit nicht taktischen Überlegungen ihm nachgeordneter Ebenen zu opfern gedenkt. In seinem Familienschicksal spiegeln sich all die kriegerischen, für die Menschen so verzweiflungsvollen Konflikte zwischen Deutschland und Russland in der Vergangenheit. Vielleicht mahnt er gerade deshalb, dass man Frieden nicht gegen, sondern nur mit seinen Nachbarn gewinnen kann. Gerd Appenzeller

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