• PORTRÄT HÜSEYIN AVNI KARSLIOGLU TÜRKISCHER BOTSCHAFTER:: „Wenn das so weitergeht, dann wird das nichts“

PORTRÄT HÜSEYIN AVNI KARSLIOGLU TÜRKISCHER BOTSCHAFTER: : „Wenn das so weitergeht, dann wird das nichts“

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Foto: promo
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Seinen vorerst letzten großen Auftritt in der Heimat hatte Hüseyin Avni Karslioglu vor wenigen Tagen an Bord eines Straßenschlittens aus den 50er Jahren. Mit seinem Chef, dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül, am Steuerrad des Wagens eines befreundeten Unternehmers, kutschierte Karslioglu auf dem Rücksitz des Cadillac-Cabrios am sonnigen Istanbuler Bosporus entlang und ließ sich den Wind durch die Haare wehen. Es war eine Art Abschiedstour für einen treuen Mitarbeiter Güls, der nun Botschafter der Türkei in Berlin wird.

Anders als andere, meist kurzhaarige türkische Spitzenbeamte, kann sich Karslioglu tatsächlich den Fahrtwind durch die Haare streichen lassen. Der 1956 im zentralanatolischen Yozgat geborene Diplomat ist in Ankara für seine lange, fast schulterlange blonde Haarpracht mit grauen Strähnen bekannt. Im Cadillac sah er fast aus wie ein Rockstar – auch wegen seines Ohrsteckers.

Ein solches Auftreten ist ungewöhnlich für einen Mann im Zentrum der Macht in der Türkei. Was sich wohl Christian Wulff denken werde, wenn er den neuen türkischen Botschafter zum ersten Mal empfange, fragte sich der Kolumnist Ertugrul Özkök in der „Hürriyet“ – und bekannte, dass er auch immer gerne einen Ohrring getragen hätte. Gül hat sich nie öffentlich über Haare oder den Knopf im Ohr seines Beraters geäußert. Er vertraut schon lange auf die Dienste des Diplomaten, der sich in seiner Freizeit der Kalligraphie widmet, der im Osmanischen Reich hoch geachteten Schönschreibkunst. Karslioglu, der Deutsch und Englisch spricht, begann seine diplomatische Karriere im Ausland, unter anderem bei den UN. Seit fast zehn Jahren, mit Unterbrechungen, berät er Gül, erst während dessen Zeit als Ministerpräsident, nun im Präsidentenamt.

In seinen Funktionen begleitete Karslioglu die Entwicklung der türkischen Außenpolitik aus nächster Nähe, hielt sich aber stets im Hintergrund. Eine Ausnahme war ein Ankaraner Kurzbesuch des französischen Staatspräsidenten und Skeptikers eines EU-Beitritts der Türkei, Nicolas Sarkozy, Anfang des Jahres. Sarkozy war darauf erpicht, seine Anwesenheit auf türkischem Boden auf ein Minimum zu beschränken und übermittelte dem türkischen Präsidentenamt in Ankara immer neue Bedingungen. „Wenn das so weitergeht, dann wird das nichts“, drohte ein entnervter Karslioglu schließlich. Nun wird Karslioglu selbst als Botschafter hin und wieder die Wogen glätten müssen. Thomas Seibert

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