Porträt Josef Joffe : „Wir müssen uns schon entscheiden“

Er ist anregend, aufregend, ein Intellektueller, dessen Stimme gehört wird, hierzulande und im Ausland. Heute wird Josef Joffe, Kolumnist des Tagesspiegels, junge 70.

von
Joffe
"Zeit"-Herausgeber Josef Joffe.Foto: promo

Er ist um einen geraden Satz nie verlegen, Josef Joffe, Kolumnist dieser Zeitung, Herausgeber der „Zeit“ seit dem Jahr 2000, Professor hier und da. Die einen verehren ihn, die anderen – nun ja, die wünschen ihn zum Mond. Weil er Position bezieht. Weil er keine Angst hat, mit einer Meinung anzuecken, im Gegenteil: weil ihm das mitunter eine Wonne zu sein scheint. Anregend, aufregend in jedem Fall, ist Joffe ein Intellektueller, dessen Stimme gehört wird, hierzulande und im Ausland. Heute wird er junge 70.

Geboren ist Joffe, Sohn einer jüdischen Familie, 1944 im heutigen Lodz in Polen, das einmal Litzmannstadt hieß. In West-Berlin wuchs er auf, dann ging Joffe nach Amerika, studierte in Washington an der renommierten Johns Hopkins, später in Boston, in Harvard, bis zum Ph.D. in Politologie. Immer wieder lehrt er in Harvard – zum Beispiel einmal richtungweisend über die Zukunft des Krieges – und in Stanford.

Journalistisch vielfach ausgezeichnet ist er, dazu könnte er das Bundesverdienstkreuz anlegen, wenn er wollte. Aber lieber sind ihm die, sagen wir, virtuellen Nahkampfspangen für geführte Debatten. Kaum einer versteht es so wie Joffe, angelsächsisch klar auf Deutsch zu schreiben. Manchmal tut das weh. So passiert es immer wieder: Ein Kritiker sagt, nun müsse aber mal Schluss sein mit seiner Kolumne „Was macht die Welt“, jedes Mal ärgere er sich. Gegenfrage: Jedes Mal? Antwort: Ja! – Genau: Joffe wird gelesen. Um sich zu ärgern oder bestätigt zu fühlen oder um auf neue Gedanken gebracht zu werden, gleichviel, er wird gelesen. Jedes Mal. Das zeichnet eine Kolumne aus. „Ideen sind interessanter als Identitäten“, ein guter, kurzer Satz von ihm.

Er kann Hauptsätze. Das kommt nicht zuletzt auch in den USA an. Schauplatz Washington, viele Jahre ist es her. Besuch beim späteren Großdiplomaten Bob Einhorn im Planungsstab des State Department. Das Gespräch kommt auf Joffe. „Ah, Joe Joffe – he knows how to write for an American audience.“ Joffe weiß, wie man auch die Amerikaner packt. Und das handfest, wie sie respektvoll links und rechts des Wegs, in den vielen Thinktanks, sagen.

Gerade Haltung, gerade Sätze, manchmal herb, „machen wir es kurz: Ober sticht Unter“, mitunter spitz, „wir müssen uns schon entscheiden, wer die Guten sind und wer die Bösen“, aber dabei immer sportlich. Josef Joffe verträgt Widerspruch. Bloß keinen langweiligen.

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