PORTRÄT KIRILL, RUSSLANDS PATRIARCH : "Jeder wählt seinen Weg selbst"

Er galt als der "liberale" Kandidat: Kirill, neugewählter Patriarch der russischen Orthodoxie, setzte sich bei der Zusammenkunft des kirchlichen Landeskonzils am Dienstag in Moskau erwartungsgemäß gegen den konservativeren Rivalen Kliment durch.

Jens Mühling

„Liberal“ freilich ist im Gedankengebäude der mit 150 Millionen Gläubigen größten orthodoxen Kirche ein Wort, das weniger über die Geisteshaltung des neuen Patriarchen verrät als über das radikal konservative Selbstverständnis des östlichen Christentums. So hat Kirill, bisher Metropolit der Kirchendistrikte Smolensk und Kaliningrad, gerade erst öffentlich vor dem „Angriff eines aggressiven westlichen Säkularismus auf das Christentum“ gewarnt. Als einer der Chefdogmatiker der Orthodoxie hat er zudem eine alternative „Erklärung der Menschenrechte“ mitverantwortet, in der menschenrechtliche Zielsetzungen als politische Machtinstrumente des Westens abgetan werden, die niemals über die Interessen des „Vaterlands“ gestellt werden dürften.

Seit ihrer postsowjetischen Wiedererstarkung hat sich Russlands Orthodoxie stets als Verfechterin eines autoritätsstaatlichen Anti liberalismus positioniert. Wenn Kirill ihr als „Liberaler“ gilt, so liegt das an seinem gewandten Umgang mit den Medien – der 62-Jährige leitet eine wöchentliche Fernsehshow namens „Wort des Hirten“ – sowie an seinem Wirken als Auslandsrepräsentant, der seine Kirche in der ökumenischen Zusammenarbeit mit den westchristlichen Konfessionen vertrat. Mit seiner Person verband sich lange die Hoffnung auf eine Begegnung zwischen Patriarch und Papst, die sein Amtsvorgänger Alexij II. wegen der Missionstätigkeit der katholischen Kirche in Russland verweigerte. Kirill ist Benedikt im Rahmen einer Vatikanreise vor zwei Jahren begegnet. Ob es in seiner Amtszeit als Patriarch zu einer Wiederholung kommt, ist jedoch fraglich – stärker als bisher wird Kirill den konservativen Kirchenflügel berücksichtigen müssen.

Liberal wird Kirill zudem genannt, weil er in der kremlnahen Führungsriege der Orthodoxie als der am wenigsten lenkbare Vertreter gilt. Gegenüber Putin, der sich gerne als rechtgläubiger Christ präsentiert, gibt sich das Oberhaupt der zu Sowjetzeiten massiv verfolgten Kirche jedoch versöhnlich: „Dass Wladimir Putin ein gläubiger Mensch ist, glaube ich nicht nur, ich fühle es auch. Dass Wladimir Putin ein Offizier des KGB war – nun, jeder wählt seinen Lebensweg selbst.“ Jens Mühling

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