PORTRÄT MAXIM BILLER : Biller in New York

Maxim Biller hat einen neuen Erzählband veröffentlicht. Ungewoht mild schreibt der selbsternannte literarische Krawallmacher darin. Jetzt hat New York seine Schimpferei entdeckt: Unglückliche hippe Mitte-Leute im unglücklich hippen Berlin sind dort der letzte Schrei.

Andreas Schäfer

Maxim Biller ist wahrscheinlich der größte Krawallmacher der deutschsprachigen Literatur. Gern beschimpft der 1960 als Kind russisch-jüdischer Eltern in Prag geborene Schriftsteller Freund und Feind. „Du Arschloch“, sagte er zu dem Kritiker Hubert Winkels am Rande einer Diskussion über Literaturkritik. „Alles Schlappschwanzliteratur“, kanzelte er einmal die Werke seiner Kollegen bei einer Tagung ab. Seine eigenen Werke hält Biller wiederum für welt- und sexhaltiger als „alle Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur zusammen“. Sein letzter Roman „Esra“ war tatsächlich sehr sex- und welthaltig. Die Abrechnung mit einer Verflossenen wurde verboten, weil er darin die Persönlichkeitsrechte der dargestellten Personen verletzte.

Sympathisch ist etwas anderes. Dabei ist alles nur ein Missverständnis. Denn Biller will gar nicht Krawall machen, sondern nur spielen. Regelmäßig fällt er aus allen Wolken, wenn einige seine Aussagen als das nehmen, was sie sind, Unverschämtheiten nämlich, und es aus dem Wald so herausschallt, wie er hineingerufen hat – „Hundert Zeilen Hass“ hieß die „Tempo“-Kolumne, mit der er in den 90er Jahren zum ersten Mal auffiel. Im Grunde glaubt er, als ewiger Frechdachs-Sohn noch immer an einer Art Familientisch zu sitzen, also an dem Ort, an dem man sich (fast) alles erlauben kann und doch geliebt wird. Dass die Welt keine bedingungslos liebende Mutter ist, kann und will er ihr nicht verzeihen. Vor kurzem drohte er mit der Auswanderung nach Tel Aviv. Selbstverständlich lebt er immer noch hier.

So hätte es wohl ewig weitergehen können. Mit jeder Provokation wird die Deutschlandabhängigkeit nur größer. Doch dann hat Biller den Erzählungsband „Liebe heute“ veröffentlicht, dessen Ton ungewohnt milde ist. Er vergleicht sich auch nicht mehr mit Kafka, sondern nur noch mit seinen ohnmächtigen Figuren („Ich bin nur der Käfer“).Vor allem aber schimpft er nicht über andere, sondern spricht über das Leid des Exilanten. Biller war 1970 mit seiner Familie nach München gekommen und fühlt sich seitdem als „wandernder Jude“, der sich nach dem sehnt, „was er gerade nicht hat“. Und siehe da: Auch der Weltgeist hat die Veränderung mitbekommen. Gerade veröffentlichte der legendäre „New Yorker“ eine Erzählung Billers, die von natürlich unglücklichen Menschen im unglücklich hippen Berlin handelt. Biller in New York! Man wünscht ihm in Amerika den Erfolg, den er sich hierzulande fast verbaut hätte. Andreas Schäfer

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