PORTRÄT NIR BARKAT, BÜRGERMEISTER JERUSALEMS : "Ein Sieg für das jüdische Volk"

Nach seinem Wahlsieg verkündete der neue Oberbürgermeister: „In Jerusalem ist Platz für jedermann.“ Das war bisher nicht so – und ist deshalb von Nir Barkat zu beweisen.

Charles A. Landsmann

Zwei Drittel der mehr als eine halbe Million Einwohner Jerusalems fühlten sich in der heiligen Stadt der drei monotheistischen Religionen unerwünscht oder unwohl. Für das arabische Bevölkerungsdrittel wird sich mit Barkats Wahl nichts ändern. Über das Schicksal der Araber entscheidet nicht die Stadtverwaltung, sondern die israelische Regierung zusammen mit den palästinensischen Behörden. Für das nicht ultrareligiöse jüdische Drittel aber, mit Ausstrahlung auf ganz Israel, dürfte Barkats Wahl den erneuten Aufbruch in eine liberale Gesellschaft bringen, frei von religiösen Zwängen und rückwärtsgerichteten Blicken.

Barkat scheint der ideale Mann dafür zu sein, nach fünfjähriger Herrschaft der Ultrareligiösen im Stadtparlament unter Oberbürgermeister Uri Lupoliansky. Der 49-jährige Computerspezialist machte seine Millionen mit einem Hightech-Unternehmen, das auf Antivirussoftware spezialisiert war. Vor fünf Jahren hatte er genug Geld verdient, ging in die Lokalpolitik und verlor die Wahl, weil die nichtreligiösen Juden zu Hause geblieben waren (die Palästinenser Ostjerusalems boykottieren seit jeher die Wahlen). Neben seiner Arbeit als Oppositionsführer initiierte Barkat mehrere soziale und pädagogische Projekte.

Doch das allein hätte nicht zum Wahlsieg gereicht, der eigentlich mehr eine Niederlage des ultrareligiösen Gegenkandidaten Meir Porusch darstellt als einen Triumph Barkats. Porusch verkündete im Wahlkampf, dass in zehn Jahren nur noch Ultrareligiöse in den israelischen Rathäusern das Sagen haben werden – und schreckte damit die Nichtreligiösen aus ihrer Lethargie. Dass Barkat außerdem die Unterstützung eines der einflussreichsten ultraorthodoxen Rabbiner genoss, ist nicht auf dessen politische Vorliebe für den säkularen Kandidaten, sondern auf dessen persönliche Antipathie gegenüber Porusch zurückzuführen.

Barkat tritt nun die direkte Nachfolge Lupolianskys an, der vor allem die Kultur hatte aushungern lassen. Vor diesem regierte der damals noch nationalistisch eingestellte Ehud Olmert (Ministerpräsident bis März) im neuen Rathaus an der unsichtbar gemachten Grenzlinie zwischen dem alten arabischen Ost- und dem modernen jüdischen Westjerusalem. Olmert wiederum hatte mit seinen starken Sprüchen die moderate Legende Teddy Kollek aus dem Amt verdrängt.

Mit Amtsantritt steht Barkat einer Stadt vor, die weniger israelisch und mehr jüdisch ist als fast alle anderen Städte Israels, deren religiös-traditioneller Einwohnerteil sich als national und wertkonservativ versteht, und deren arabische Minderheit immer militanter für die palästinensischen Interessen agiert. Konsequenterweise klopfte Barkat im Wahlkampf plötzlich nationalistische Sprüche über ein unteilbares Jerusalem und jüdische Ansiedlungen in arabischen Stadtteilen und ließ sich am Wahltag an der Klagemauer betend fotografieren.

Die Rechten und die Mehrheit der Nationalreligiösen jubelten ihm zu. Die Liberalen und Linken heulten auf. Dennoch wählten die meisten der letzteren Barkat als das „kleinere Übel“. Jetzt muss er beweisen, dass er seinem Ruf als „weiße Hoffnung“ (weiß im Gegensatz zu den schwarz gekleideten Ultraorthodoxen) gerecht werden kann. Charles A. Landsmann

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