• PORTRÄT SAYED PERWEZ KAMBACHSCH, AFGHANISCHER JOURNALIST: „Ich habe keine Straftat begangen“

PORTRÄT SAYED PERWEZ KAMBACHSCH, AFGHANISCHER JOURNALIST : „Ich habe keine Straftat begangen“

Wegen Gotteslästerung hat der Oberste Gerichtshof in Afghanistan den jungen Journalisten zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er hatte einen islamkritischen Text aus dem Internet heruntergeladen und an Kommilitonen verteilt.

Laura Wieland
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Foto: AFP

Wie es um die Meinungsfreiheit in Afghanistan steht, zeigt sich am Fall von Sayed Perwez Kambachsch: Wegen Gotteslästerung hat der Oberste Gerichtshof den jungen Journalisten zu 20 Jahren Haft verurteilt. Das ist immerhin eine Abmilderung der Todesstrafe, die zuvor über ihn verhängt worden war. Der 23-jährige Student soll einen blasphemischen Artikel über die Rolle der Frau im Koran an Kommilitonen verteilt haben – einen Text, den er nicht einmal selbst verfasst, sondern von einer Internetseite heruntergeladen hatte. Unglücklicherweise geriet das Blatt in die Hände der afghanischen Staatssicherheit, die ihren Sitz direkt gegenüber der Universität hat.

Während des Prozesses berief sich Kambachsch auf das Recht auf Meinungsfreiheit, das in der afghanischen Verfassung verankert ist. Das Gericht wiederum berief sich auf die Scharia. Denn nach islamischem Recht werden Verleumdung des Islams ebenso wie Beleidigung des Propheten mit dem Tode bestraft. Laut „Reporter ohne Grenzen“ standen die Richter offenbar unter massivem Druck vom Rat der Mullahs und den örtlichen Beamten, als sie hinter verschlossenen Türen das Todesurteil beschlossen. Es folgte ein Berufungsverfahren, im Zuge dessen das Todesurteil in eine Gefängnisstrafe umgewandelt wurde. Das Kabuler Gericht habe jedoch ausschließlich die Zeugen der Staatsanwaltschaft vernommen, sagt Kambachschs Anwalt, Mohammed Afsal Nuristani. Außerdem basiere das Urteil auf einer Anklage, die gegen afghanische Gesetze verstoße. Von dem Richterspruch erfuhr Nuristani, als er seinen Verteidigungsbrief einreichen wollte. Doch der Gerichtshof, hieß es, habe bereits vor einem Monat die Entscheidung gefällt – ohne den Verteidiger anzuhören.

Kambachsch, der als Reporter für die Tageszeitung „Jahan-e- Naw“ („Neue Welt“) schrieb, besteht auf seiner Unschuld: „Ich wurde nur auf Druck von bestimmten Personen hin verurteilt, nicht aufgrund der Gesetze.“ Beobachter vermuten, dass Kambachsch für die kritischen Äußerungen eines anderen büßen muss: die seines Bruders. Jakub Ibrahimi arbeitet für das Internationale Institut für Kriegs- und Friedensberichterstattung (IWPR). Immer wieder hat er über Menschenrechtsverletzungen berichtet und die Behörden in den Provinzen kritisiert. Nun auch die Verurteilung seines Bruders: „Diese in Stille gefasste Entscheidung lässt befürchten, dass es im ganzen Land keine Gerechtigkeit gibt.“Laura Wieland

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