PORTRÄT SAYEEDA WARSI TORY-POLITIKERIN: : „Diese Probleme tun mir aufrichtig leid“

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Als Tochter eines aus Pakistan eingewanderten Textilarbeiters und Muslimin hat man bei den britischen Torys wenig zu suchen. Auch deshalb war Sayeeda Warsi „ganz kleinlaut“, als sie 2010 als frischgebackene Ministerin vor der Nummer 10 posierte und adrett den Schleier zurechtrückte.

David Cameron schickte Warsi, die keinen Parlamentssitz hatte, ins Oberhaus und in sein Kabinett, weil er die Frauenquote erfüllen und die Torys für Muslime attraktiver machen wollte. Aber Warsi hat noch eine Gabe: Sie ist alles andere als kleinlaut. Vielmehr redet sie wie ein Wasserfall. Ein weicher Yorkshire-Akzent verleiht ihr zusätzliche Authentizität.

Nach dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“ brachte sie alle gegen sich auf: Muslime mit Bemerkungen über Homosexualität und zivile Partnerschaften, „Mittelengland“ mit dem Vorwurf von Islamophobie, Tory-Aktivisten, denen sie lustlosen Wahlkampf für Cameron vorwarf. Warsi schimpfte auf idiotische Muslimextremisten und machte mit Papst Benedikt gemeinsame Sache im Kampf gegen „fundamentalistische Säkularisten“. Christen, mahnte sie, müssten sich mehr Gehör in der Gesellschaft verschaffen. Torys begannen sie zu hassen und schimpften – „ein Leichtgewicht“.

Nun ist Warsi wieder kleinlaut. Brieflich musste sie dem Premier erklären, warum sie einen Vetter ihres Mannes mit auf eine Dienstreise nach Pakistan nahm und niemand wusste, dass sie mit diesem Vetter einen Gewürzimport betrieb. „Auf einer ganz persönlichen Ebene“, schrieb sie, „tun mir diese Probleme aufrichtig leid.“ Von der Polizeiuntersuchung ihrer Spesenrechnung, die auf Einflüsterungen von Tory-Anhängern zurückgeht, ist in dem Brief ebenso wenig die Rede wie von den vielen Auslandsreisen (Cameron hat sie wohl als Emissärin in die muslimische Welt eingesetzt).

„Liebe Sayeeda. Ich nehme die Entschuldigung an“, schrieb der Premier – und leitete den Fall an den Ethikkommissar des Kabinetts weiter. Seltsam, wunderte man sich: Bei den Problemen von Medienminister Jeremy Hunt und dem zurückgetretenen Verteidigungsminister Liam Fox war Cameron nicht so streng. Niemand kann sagen, wo bei dem Streit um die streitlustige Baroness die immer eifrigen britischen Ethikaufpasser am Werk sind und wo die langen Messer der Tory-Rechten. Aber alle sind gespannt: Wird Cameron die Baroness nun seinen aufrührerischen Hinterbänklern zum Fraß vorwerfen? Matthias Thibaut

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