PORTRÄT : „Tibets Kultur droht zu verschwinden“

Kelsang Gyaltsen, Unterhändler des Dalai Lama, ist zur Zeit in China, um mit Pekings Führern über eine Lösung des Konflikts in dem Himalajaland zu verhandeln.

Harald Maass

Vor zwei Wochen trat er noch auf einem Kongress in Wien auf, um die Weltöffentlichkeit auf die Lage in Tibet aufmerksam zu machen. Seit diesem Wochenende ist Kelsang Gyaltsen in China, um mit Pekings Führern über eine Lösung des Konflikts in dem Himalajaland zu verhandeln. Der 56-Jährige ist einer von zwei Sondergesandten des Dalai Lama. In dieser Funktion reiste er zuletzt mehrmals nach China, 2002 durfte er erstmals seit seiner Kindheit auch Tibet besuchen.

In Gyaltsens Lebenslauf spiegelt sich das Schicksal seines Volkes. Als Achtjähriger floh er mit seinen Eltern vor den chinesischen Besatzern ins indische Exil. In einem Auffanglager in Dharamsala, bis heute Exilsitz des Dalai Lama, wurde eine Hilfsorganisation auf ihn aufmerksam. Mit neun anderen Flüchtlingskindern schickte man Gyaltsen zur Ausbildung in die Schweiz. Erst 15 Jahre später, als er für eine Schweizer Großbank arbeitet, kehrte Gyaltsen zurück und sah seine Familie wieder.

Nach einer Audienz beim Dalai Lama entschied sich Gyaltsen, seinen Job aufzugeben und für die tibetische Exilregierung zu arbeiten. Wegen seines diplomatischen Geschicks stieg er zu einem wichtigen Berater des Dalai Lama auf, als EU- Beauftragter und als Chef der Exiltibeter in der Schweiz, der größten Auslandsgemeinde der Tibeter.

Gyaltsen ist ein treuer Verfechter der Politik der Gewaltlosigkeit des Dalai Lama. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Frustration seiner Landsleute über Chinas Unterdrückungspolitik wächst. „Viele Tibeter sind offenbar zu der Schlussfolgerung gekommen, dass Gewalt das einzige Mittel ist, damit sich etwas bewegt“, sagt Gyaltsen. Nach seiner Ansicht wurde die Situation in Tibet im Ausland unterschätzt. Die Regierungen wüssten von Menschenrechtsverletzungen. „Aber wie die tibetische Kultur untergraben wird und zu verschwinden droht, wie die chinesische Regierung Tibet systematisch sinisiert – der Dringlichkeit der Lösung dieser Probleme ist man sich nicht bewusst.“

Für den Dalai Lama ist der Dialog mit Peking die wohl letzte Chance, um eine Verschärfung des Konflikts zu verhindern. Sein Gesandter zeigt sich deshalb verhandlungsbereit. Ziel der Tibeter sei kein eigenständiger Staat, betont Gyaltsen. „Wir sind gewillt, ein Teil Chinas zu sein, wenn wir echte Autonomie bekommen.“ Doch er weiß, dass dies ein großes Zugeständnis für KP-Mächtige wäre. „Bislang fehlt in Peking dafür der Wille“, erklärte Gyaltsen. Harald Maass

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