PORTRÄT ULRICH WICKERT FERNSEHKRITIKER : "Das hat mich wirklich geärgert“

Ulrich Wickert geht auf seinen alten Arbeitgeber los. Korrekter Satzbau werde nicht mehr beherrscht, die Autoren würden häufig „Substantive wie grobes Meersalz zwischen kurze Sätze streuen“, schreibt er über ARD und ZDF.

Joachim Huber
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Foto: dpadpa

Er ist Publizist, Autor und Essayist. Sprache ist ihm mehr als ein Medium. Fernsehen ist Ulrich Wickert weit mehr als die elektronisch vermittelte Kombination von Wort und Bild, insbesondere das öffentlich-rechtliche Nachrichtenfernsehen. Davon versteht Wickert erklecklich viel, er hat Jahre und Jahrzehnte als Korrespondent, schließlich als respektierter Moderator der ARD-„Tagesthemen“ gearbeitet. Jetzt, mit fast 67, ist er Privatier, Krimiautor – und Fernsehkritiker. In einem aktuellen und keineswegs ersten Beitrag für die „FAZ“ attackiert Wickert die Entwicklung bei den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF, von „heute“ im Zweiten bis zu den „Tagesthemen“ im Ersten. Lange habe er sich zurückgehalten, weil er nicht wie ein „Besserwisser mit erhobenem Zeigefinger“ wirken wolle. Tut er doch, was aber nichts zur Sache tut: Wickert ist in schier brennender Sorge um die Qualität. Er sieht Sprachpanscher und Nachrichtenverflacher im öffentlich-rechtlichen Dienst.

Korrekter Satzbau werde nicht mehr beherrscht, die Autoren würden häufig „Substantive wie grobes Meersalz zwischen kurze Sätze streuen“, schrieb Wickert. Bei den Inhalten warf er den Verantwortlichen einen übermäßigen Hang zur Unterhaltung vor. „Den Machern scheint das Bewusstsein für ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag, für eine Grundversorgung politischer Information, abhanden gekommen zu sein.“ So sei am 23. Oktober in keiner Nachrichtensendung das vollständige Bundeskabinett vorgestellt worden, das habe ihn „wirklich geärgert“.

Ulrich Wickert ist nicht der erste Fernsehjournalist, der nach seinem Ausscheiden das System kritisiert, in dem er lange gearbeitet, das ihn üppig ernährt hat. Ulrich Tilgner wollte beispielsweise nicht länger für das ZDF tätig sein, so sehr hatte ihn die mangelnde, mangelhafte Auslands-, Afghanistanberichterstattung gewurmt. Wickert geht darüber hinaus, er kritisiert die gesamte Ausrichtung auf „Voyeurismus, Sensationsgier, Bombenjournalismus“. Er möchte eine Struktur der Relevanz, sauberes Nachrichtenhandwerk, er möchte in einem Programm wie der ARD die Bevorzugung der Information vor der Soap „Sturm der Liebe“. Eigentlich will Wickert das, was Gebührenzahler wollen: öffentlich-rechtliches Fernsehen.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebensleistung und seines Motivs – seid ARD, seid ernsthaft! – taugt der in Tokio geborene Diplomatensohn zum „Elder Journalist“, zum Lordsiegelbewahrer. Da fehlt es dem mit dritter Ehefrau versehenen Offizier der französischen Ehrenlegion nicht an Ehrgeiz, nicht an Stil. Der ist ihm wichtig, respektlos findet er es, wenn ARD-Mann Frank Plasberg beim Kanzlerduell ohne Krawatte auftritt. Degoutant.

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