Porträt : „Wir marschieren für das Volk“

Ob gegen die britischen Kolonialherren oder gegen die grausamen Militärmachthaber: Namenlose Mönche stehen in Birma in der ersten Reihe bei Protest gegen Unrecht und Fremdherrschaft.

Helmut Schümann

Er ist ein Sohn Buddhas. Er ist 16 Jahre alt, 26, 36 und 62. Er ist einer von vielen, derzeit einer von etwa 400 000. Die Zahl muss ungenau bleiben, weil zu wenig Nachrichten aus Birma dringen und von daher niemand sagen kann, wie viele Mönche die Mörder der Junta erschlagen oder erschossen haben in diesen Tagen. Allein am vergangenen Wochenende sollen es in einem Kloster in Okalapa im Osten Ranguns 200 gewesen sein. Die Männer mussten sich in einer Reihe aufstellen. Dann schlugen die Schergen ihre Köpfe gegen eine Backsteinwand. Immer wieder. Dann wurden die Körper der Mönche auf Lastwagen geworfen und abtransportiert.

Aber auch auf diese Weise ist der namenlose Mönch nicht zum Schweigen zu bringen. Er hat Macht. In einem Land, in dem 90 Prozent der Menschen gläubige Buddhisten sind, zählen Wort und Tat des praktizierenden Buddhisten viel. „Wir marschieren für das Volk“, hatte der namenlose Mönch noch gerufen, bevor er abgeführt wurde von den Beschützern des Regimes. Immer schon wurde er abgeführt – und steht doch wieder in der ersten Reihe, wenn sich Protest erhebt gegen Unrechtsregime oder Fremdherrschaft. In den 40er Jahren stand der namenlose Mönch gegen die britischen Kolonialherren auf. Erfolgreich, auch wenn seinerzeit U Wisara, ein Bruder des namenlosen Mönches, im Gefängnis an den Folgen eines Hungerstreiks starb.

Und auch 1988, beim bislang letzten Aufstand gegen die Terrorherrschaft, führte der namenlose Mönch die Revolte an. Sein Streben ist geleitet vom Wissen über und von dem Glauben an eine bessere Welt, eine Welt des friedlichen und gleichberechtigten Miteinanders. Weil er dies, sei es als Zeitmönch oder als Berufsmönch, mit großer Bedürfnis- und Selbstlosigkeit vorlebt, sind die leeren Hände des namenlosen Mönchs eine so scharfe Waffe.

Mindestens dreimal im Leben sollte sich in Birma ein Mann einem Orden anschließen, in der Pubertät, vor der Hochzeit und beim Tod der Mutter. Oder er bleibt Mönch auf Lebenszeit. Man kann also sagen, dass der namenlose Mönch ein Großteil der männlichen Bevölkerung Birmas ist. Auch das macht ihn so gefährlich für die Regierenden. Die wehren sich mit Gewalt und setzen die Mönche in Internierungslagern fest. Derzeit soll Rangun nahezu frei von Mönchen sein. Der namenlose Mönch aber lässt sich nicht internieren, sondern wird wiederkommen. Helmut Schümann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben