Meinung : Positionen: Brutal egal

Steven Erlanger

Dieser Halbkrieg gegen den Halbstaat Taliban-Afghanistan mag brutal oder tollpatschig gewesen sein, er war unvermeidlich - nachdem drei US-Flugzeuge in das Pentagon und das World Trade Center eingeschlagen waren. Nur darf man hier keinen Fehler machen: Der Terror gilt den Vereinigten Staaten, nicht Europa oder der "westlichen Zivilisation". Es geht um das, was wir tun und vertreten, nicht um das, was wir sind. Auch der Krieg ist amerikanisch, trotz all des hilfreichen politischen Schutzes, den unsere Freunde uns bieten, und trotz ihrer Bemühungen, den jungen Präsidenten Bush zu zähmen.

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Der 11. September war für die vormals unfähige Bush-Regierung, die von Star Wars träumte, eine knallharte Dosis Realität, die einen enormen Reifeprozess angestoßen und, was noch wichtiger ist, ein Organisationsprinzip vorgegeben hat. Wie ein junger Mann, der in seinem ersten Gefecht verletzt wird, hat Präsident Bush plötzlich begriffen, wie kompliziert und gnadenlos die Aufgabe ist, die die Hälfte der amerikanischen Wähler ihm nicht geben wollte. Eines, und leider nur das eine, hat Bush aber ziemlich schnell verstanden, wie Isaiah Berlins Igel: Dieser Krieg darf unter keinen Umständen verloren werden.

Von Anfang an stand einem Sieg der Amerikaner denn auch nicht viel im Wege - nicht die Befindlichkeiten der geschätzten Verbündeten, nicht die Grausamkeiten unserer Stellvertreter in der Nordallianz. Haltungen, die früher sankrosankt waren, sind auf einmal möglich, wie die uneingeschränkte Unterstützung Israels. Hat noch jemand Einwände gegen die mit Atomwaffen gerüstete Politik Chinas, Pakistans oder Indiens? Nein. Was Terrorismus ist, wurde eben einfach neu definiert.

Iran als alter politischer und ethnischer Gegner der Taliban ist wichtig für den Krieg in Afghanistan - deshalb scheint die eindeutige finanzielle Unterstützung, die Iran der Hamas, der Hisbollah und dem Islamischen Dschihad zukommen lässt, auf einmal keinen mehr zu interessieren. Chinas Lieferung von Waffen und Nukleartechnologie an Pakistan? Pakistans dubiose Verbindungen zum internationalen Drogenhandel? Unwichtig. Das Gleiche gilt für Russland. Um Präsident Putin in der Anti-Terror-Koalition zu halten, ist man auf einmal blind für Moskaus Druck auf Georgien und die Ukraine. Keiner sagt mehr etwas zu Putins außergewöhnlicher "Erlaubnis", dass ansich unabhängige Staaten wie Usbekistan und Tadschikistan mit Amerika zusammenarbeiten dürfen.

Keiner traut sich mehr, die moralische Jauchegrube Tschetschenien beim Namen zu nennen, wo die Russen regelmäßig Menschenrechte verletzt, gefoltert und gemordet haben - schlimmer als das Verhalten, für das wir zwei Jahre zuvor Belgrad bombardiert haben, immer stolz das jetzt vergessene Prinzip der "humanitären Intervention" auf den Lippen.

Und der Kosovo taugt jetzt nurmehr als Anschauungsobjekt dafür, wie man einen Krieg führt. Dabei hatte mir ein älterer Offizier damals noch gesagt: "Kosovo war so ein Erfolg, dass wir sowas nicht noch einmal machen wollen."

Die angegriffenen Vereinigten Staaten wollen Freunde und Partner und sind den Briten, Deutschen, Franzosen und Italiener dankbar. Aber sie wollen auf keinen Fall, dass die ihnen in die Quere kommen.

Die Nato ist im Kern irrelevant - außer dort, wo es um politische Unterstützung geht, die eine skeptische Bevölkerung bei der Stange halten und hungernde Afghanen durch den Winter füttern soll. Generalsekretär Robertsons Versuch, dem Beistandsartikel 5 Geltung zu verschaffen, zeigt nur, wer wirklich das Sagen hat. Das Pentagon mochte den Artikel 5 nicht und versuchte, diesen Schritt zu verhindern. Denn für die Amerikanern war das nur noch ein Versuch Europas, sich aufzuspielen.

Militärisch braucht Washington seine Nato-Verbündeten weniger, als diese gebraucht werden wollen. Kanzler Schröder und Außenminister Fischer arbeiten an einem großen und wichtigen Projekt. Sie versuchen, Deutschland und ihre eigenen Parteien zum Erwachsenwerden zu zwingen. Sie sehen es als die Pflicht ihrer Generation an, Deutschland zu mehr Verantwortung in Europa zu bringen, die seiner Größe und wirtschaftlichen Bedeutung entspricht. Dieser seltsame Krieg ist ein perfekter Vorwand für diese größere Aufgabe. Aber irgendetwas wirkt peinlich an Schröders Suche nach einem Ort, wo deutsche Soldaten - nur ein paar, wie wir uns erinnern - kämpfen und das Tabu brechen können.

Und was ist mit der EU und der viel diskutierten europäischen Verteidigungsinitiative? Wo ist Javier Solana? Wenn uns Christopher Patten und Romano Prodi erzählen wollen, der Krieg zeige, dass "Europa" besser dastehe als vor dem 11. September, dann kann man schon mal einpacken. Die amerikanische Vorherrschaft ist gesicherter als je zuvor. Umso wichtiger wäre es, dass sich die NATO und die EU darauf einstellen. Wie soll die "europäische Alternative" denn aussehen, die Jacques Chirac gebetsmühlenartig beschwört? Man muss immer bereit sein, Freunde und ihre Politik zu kritisieren. Nur: Gegen Washington zu sein, ist jetzt eine Sache der Unmöglichkeit.

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