POSITIONEN : Der Schrecken in Kenia ist nicht vorbei

Der Anschlag auf das Einkaufszentrum ist eine Zeitenwende.

Cedric Barnes
Foto: ICG
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Der Anschlag auf Nairobis Westgate Mall ist auf grausam-ironische Weise ein Zeugnis der bedeutsamen Entwicklung Kenias. Das Land ist zu einer ernstzunehmenden regionalen Macht aufgestiegen. Kenias Hauptstadt ist ein wirtschaftliches und politisches Zentrum der Region. Und so ist Kenia auch zu einem Ziel für bewaffnete, international agierende Islamisten geworden.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Kenia in einer Allianz mit somalischen Milizen Truppen nach Somalia schickte – ohne sich viele Gedanken über die Risiken zu machen. Die somalische Islamisten- Miliz Al Shabaab antwortete schnell und vorhersehbar mit einem Guerillakrieg. Heute sind Kenias Truppen in die Mission der Afrikanischen Union in Somalia (AMISOM) eingebunden. Gemeinsam halten sie die wichtige Hafenstadt Kismayo besetzt. Doch Al Shabaab kontrolliert große Teile des ländlichen Somalia. Die International Crisis Group hat schon länger auf einen weiteren wichtigen Aspekt hingeweisen: Al Shabaab setzt darauf, die kenianische Regierung über gezielte Operationen zu scharfen Sicherheitsmaßnahmen zu zwingen. So könnten sich betroffene Kenianer radikalisieren und leichter für die Zwecke von Al Shabaab gewinnen lassen.

Der Anschlag beweist, dass die Analysen falsch lagen, die meinten, Al Shabaab sei gespalten und in Auflösung. Wenn tatsächlich Al Shabaab für den Anschlag verantwortlich ist, lassen Komplexität und Timing darauf schließen, dass man es mit einem ernstzunehmenden Feind zu tun hat, der in der Lage ist, weit über seine somalische Basis hinaus zu zielen. Al Shabaab steht mit anderen radikalen Gruppen in Afrika und der arabischen Halbinsel in Verbindung und hat in Kenia ein geheimes Netzwerk von Unterstützern aufgebaut. Zusammen mit lokalen Organisationen wie Al Hijra versuchen diese, kenianische Jugendliche zu radikalisieren.

Das Einkaufszentrum Westgate war ein vergleichsweise leicht verwundbares Ziel. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass der Anschlag seit Längerem vorbereitet wurde. Er sollte nicht nur unmittelbaren Schrecken verbreiten, sondern Westgate über längere Zeit ins Blickfeld rücken. Ein Anschlag wie dieser ist nur vorstellbar, wenn verlässliche lokale Netze und Zellen existierten, die zu seinem Erfolg beitrugen – seit Monaten, vielleicht sogar Jahren.

Noch immer fragen sich Kommentatoren weltweit: Was sollte dieser Anschlag erreichen? Eine einfache Antwort gibt es nicht. Und es gibt für Kenia keine einfache Lösung. Die einzige Lösung, die derzeit in Sicht scheint, ist ein Zermürbungskrieg. Er birgt die Gefahr, das Land zu spalten.

Al Shabaab kann diesen Anschlag als wichtigen Sieg gegenüber Kenia und seinem Einsatz in Somalia verkaufen und gleichzeitig als einen Beitrag zum internationalen Dschihad, der sich gegen westliche Ziele richtet. Der militärische Sprecher Al Shabaabs nannte die Angreifer Mudschaheddin und erhob ihren Kampf damit in den Rang eines globalen Dschihad.

Anders als der Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Nairobi 1998 zielte dieser auf Kenias innere Stabilität. Dieser Anschlag wird in Kenia unvermeidlich Misstrauen und Zweifel sähen. Nicht nur steht Kenias politische Führung vor Gericht. Die Gesellschaft leidet immer noch unter den Folgen seiner Wahlen, die einer Zerreißprobe gleichkamen. Es ist gut, dass Präsident Kenyatta sein Land in dieser Situation zu Geschlossenheit aufgerufen hat. Pauschalverurteilungen oder drakonische Maßnahmen gegen die gesamte somalische oder muslimische Bevölkerung Kenias würden nur zu einer weiteren Radikalisierung führen und die Gefahr eines hausgemachten Terrorismus verstärken.

Nairobi ist eine Stadt, die einiges gewohnt ist. Außer in der Gegend um das Westgate herrschte schon bald wieder weitgehend Normalität. Aber die Ereignisse werden nachwirken.

Die Zeit der Schuldzuweisungen und das Bewusstsein eines Feindes im Innern lassen sich nicht leicht bewältigen. Wie auch nach dem 11. September in New York und den Anschlägen vom 7. Juli in London – etwas wird sich verändert haben.

Der Autor ist Projektleiter für das Horn von Afrika bei der International Crisis Group in Nairobi.

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