POSITIONEN : Die multireligiöse Gesellschaft

Die Nichtakzeptanz der multireligiösen Gesellschaft schafft Parallelgesellschaften.

Innensenator Ehrhart Körting
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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wir haben uns in den letzten Jahren angewöhnt, über die multikulturelle Gesellschaft zu sprechen. Einige heben ihren Wert in einer Gesellschaft hervor, andere erklären sie für gescheitert und befürchten Parallelgesellschaften. Wir sprechen über verschiedene Ethnien und Nationalitäten. Einerseits sind wir stolz darauf, so viel Verschiedenes zu haben. Andererseits haben wir Ängste vor Überfremdung und entwickeln Integrationsprogramme.

Wir sprechen kaum über Religion oder allenfalls abwehrend wie über etwas Störendes. Religiös begründete Verhaltensweisen sind uns besonders im Islam suspekt. Ich erinnere an unsere Kopftuchdebatte, an die Diskussion um Schwimmunterricht und Teilnahme an Klassenfahrten von muslimischen Mädchen. Das Misstrauen gegenüber der Religion ist aber nicht auf den Islam beschränkt. So sind wir alle empört, wenn Papst Benedikt XVI. sich zur Verhütung und Abtreibung aus katholischer Sicht äußert.

Meistens gehen wir der religiösen Frage aus dem Wege, indem wir die Fragestellungen nach der Vernunft beantworten: Das Kopftuch ist zugleich Symbol der fehlenden Gleichberechtigung der Frau. Nichtteilnahme am Schwimmunterricht und die Nichtteilnahme von Mädchen an Klassenfahrten benachteiligt die Mädchen. Nichtverhütung und Verbot der Abtreibung bringen Frauen in kaum lösbare Konfliktsituationen. Dies alles ist rational nachvollziehbar.

Ist aber nur die säkulare, auf Vernunft begründete Antwort die richtige? Mit der Zuwanderung aus islamischen Ländern ist eine neue Religiosität in unseren Alltag gekommen, mit der wir noch nicht umgehen können. Wir sagen großzügig „Ja“ zum Moscheebau, aber die Minarette dürfen nicht höher als die Kirchtürme sein. Wir sagen „Ja“ zum Islamunterricht, aber im Grunde wollen wir mitbestimmen, was unterrichtet wird.

Die Bundesrepublik Deutschland ist gegenüber den Religionen nach dem Grundgesetz ein neutraler Staat. Die tatsächliche Betrachtungsweise aber ist eine andere. Wir akzeptieren religiös begründete Verhaltensweisen weitestgehend nur als kulturelle Erscheinungsformen. Das Fastenbrechen im Ramadan wird von uns als multikulturelles Ereignis verstanden und mitgefeiert.

Unser säkulares Denken wird heute von zwei Seiten herausgefordert. Mit einem zunehmenden muslimischen Bevölkerungsanteil kommt eine stärkere Religionisierung unseres Lebens auf uns zu. Das ist übrigens für die christlichen Kirchen, die sich im Moment noch sehr abwehrend gebärden, auch eine Chance.

Die andere Herausforderung ist schwieriger, weil sie uns selber betrifft. Wir haben die Toleranz gegenüber den Religionen verlernt. Wir führen keinen gleichberechtigten Dialog mit den Religionen. Religiöse Lebensentwürfe werden per se nur als kulturelle Besonderheiten toleriert, nicht aber ernst genommen. Die herrschende säkulare Auffassung in Deutschland akzeptiert die religiöse Auffassung von anderen nicht als denkbare Wahrheit, mit der man sich auseinandersetzen kann. Diese säkulare Intoleranz verhindert die notwendigen Grenzziehungen im neutralen, Religionsfreiheit und Religionsausübungsfreiheit gewährleistenden Staat. Das sage ich bewusst, weil in vielen Feldern ein Konsens nötig ist, wo ich die Grenze zwischen staatlicher Gestaltungsmacht und Religion ziehen muss. Nur um ein Beispiel zu nennen: die Gleichberechtigung von Mann und Frau steht nicht zur Disposition. Das von einigen islamischen Richtungen in Anspruch genommene Züchtigungsrecht des Mannes gegenüber der Frau ist mit unserer Verfassung nicht vereinbar. Das kann auch Religion bei uns unter der Geltung des Grundgesetzes nicht anders regeln. Die Bekleidung einer fundamentalistisch gesinnten Muslima, die Ablehnung des Badens im Badeanzug, kann der neutrale Staat akzeptieren. Damit ich nicht wieder falsch interpretiert werde: ich persönlich halte die Bekleidungsvorschriften vermeintlich strenggläubiger Muslime für überholt, übrigens auch nicht wirklich aus dem Koran herleitbar. Aber es kann nicht Aufgabe des neutralen Staates sein, seine Interpretation von religiösen Quellen für verbindlich zu erklären.

Die Akzeptanz des Religiösen ist auch eine Sicherheitsfrage. Die Nichtakzeptanz der multireligiösen Gesellschaft, ihre Verschleierung als multikulturelle oder multiethnische Gesellschaft, schafft die eigentlichen Parallelgesellschaften, die viel schwerer aufzubrechen sind als kulturelle oder ethnische Parallelgesellschaften. Damit bricht ein Grundkonsens der Gesellschaft auseinander, der für ein sicheres Zusammenleben unerlässlich ist. Weltweit werden die religiösen Auseinandersetzungen stärker. Dies spielt auch zunehmend für die Innenpolitik eine Rolle, wie die Anschläge von Homegrown-Terroristen in Großbritannien zeigen. In Deutschland gibt es Anzeichen für die Anwerbung von Mujahdin für den Jihad in Afghanistan. Es gibt keine Garantie dafür, dass diese Homegrown-Terroristen nicht auch in Deutschland tätig werden. Ich halte es für eine Illusion, dass wir denen nur mit Mitteln von Polizei und Verfassungsschutz begegnen können. Prävention bedeutet hier, Radikalität zu verhindern. Das Umgehen mit einer multireligiösen Gesellschaft wird daher künftig eine zentrale Voraussetzung für Sicherheit im Inneren sein.

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