POSITIONEN : Die stellvertretende Kränkung

"Engagierte Katholiken in der Union": Ein Widerwort aus aktuellem Anlass

Pater Klaus Mertes SJ
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Foto: Thilo Rückeis

Ich habe keine eigene Meinung zur Papstschelte der Bundeskanzlerin vom Frühjahr des letzten Jahres. Als Katholik beschäftigte mich damals die Sorge um die Selbstbeschädigung des Papstamtes durch das lähmende Schweigen aus dem Vatikan und durch törichte publizistische Rettungsversuche. Manchmal ist ein Widerspruch aus Loyalität besser für das Ganze als dessen Unterlassung aus Loyalität.

Allerdings hätte ich nie gedacht, dass es einer Gruppe von „engagierten Katholiken“ gelingt, die Empörung über die Papstschelte der Bundeskanzlerin über ein ganzes Jahr hinweg am Köcheln zu halten und dies nun mit einer Strategiedebatte um den künftigen Kurs der CDU zu verbinden. So entsteht der Eindruck, als stünden die „engagierten Katholiken in der CDU“ repräsentativ für die Katholiken in der CDU und für „das Katholische“ in der Politik. Die schweigende Mehrheit der Katholiken in der CDU und der Katholiken generell gerät dadurch aus dem Blick.

Das C in der CDU hat seinen Ursprung im gemeinsamen Widerstand von Katholiken und Protestanten gegen den Nationalsozialismus. Die Widerständler entdeckten, dass ihre konfessionellen Gegensätze in den Gefängnissen von Tegel überwunden wurden. Sie meinten deswegen, dass diese Gegensätze nach Kriegsende auch in der deutschen Politik überwunden werden sollten. Helmuth James von Moltke schrieb nach seiner Verurteilung durch den Volksgerichtshof: „Dass ich als Märtyrer für den Heiligen Ignatius von Loyola sterbe, ist wahrlich ein Witz, und ich zittere schon vor dem Zorn von Papi, der doch so antikatholisch war.“ (Hintergrund ist, dass Moltke wegen seiner Kontakte zu Jesuiten und katholischen Bischöfen des „Defätismus“ für schuldig befunden worden war.)

Es ist mir vor diesem Hintergrund unbegreiflich, wie man als Katholik in der CDU „das Katholische“ in konfessionspolitischem Zorn ständig und öffentlich anschärfen kann nach dem Motto: „So lassen wir nicht mit unserem Papst umspringen, Frau Merkel.“ Das entspricht nicht dem Geist des C in der CDU. Der Heilige Vater braucht solche Verteidiger übrigens auch nicht.

Die Spötter, Steinewerfer und säkularen Hassprediger richten sich selbst. Die Bundeskanzlerin gehört nicht zu ihnen. Der Gestus der stellvertretenden Kränkung durch „engagierte Katholiken“ ist das Blut, das Feinde der katholischen Kirche am liebsten lecken. Meines werden sie nicht kriegen.

Das C in der CDU hängt ebenfalls mit überkonfessionellen Einsichten zusammen, die im Widerstand gegen die totalitären Ideologien sichtbar wurden. Moltke jubelte innerlich, als er Freisler durch seine Gelassenheit den Satz entlockt hatte: „Nur in einem sind das Christentum und wir (Nationalsozialisten) gleich: Wir fordern den ganzen Menschen.“ Moltke ergänzte: „Freisler weiß, warum er mich umbringen muss.“

Nun leben wir heute in einer rechtsstaatlichen und demokratischen Gesellschaft. Trotzdem hat die Grundeinsicht von Moltke/Freisler noch Bedeutung. Was der Papst die „Diktatur des Relativismus“ nennt, könnte man auch als eine Haltung beschreiben, die sagt: „Keine Überzeugung darf den ganzen Menschen fordern.“ Es gibt eben doch – und vor allem in harten Konfliktsituationen – einige Dinge, die den ganzen Menschen fordern. Sie haben Eingang in unser Grundgesetz gefunden. Sie stehen in den konkreten Fragen nach dem Lebensschutz, dem Einsatz für Menschrechte und dem Abbau von Diskriminierungen aktuell zur Debatte. Es lohnt sich, darüber zu streiten und eventuell auch dafür zu riskieren, beschimpft zu werden.

Aber etwas ganz anderes ist es, wenn man nach einer halb gewonnenen Wahl entdeckt, dass Wähler im „konservativ-katholischen“ Spektrum verloren gegangen sind, und nun als „engagierte Katholiken“ wahltaktische Debatten vom Zaun bricht. Genau dies geschieht zurzeit und wird bestätigt, wenn die Bundeskanzlerin sich ihrerseits zu „bewegen“ beginnt.

Der Autor ist Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin.

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