POSITIONEN : Immer auf die Freien

Berlins Bildungspolitiker gehen auf die privaten Schulträger los Von Pater Klaus Mertes SJ

Es ist immer dasselbe Spiel. Da melden die Schulen das Problem des dramatisch angewachsenen Unterrichtsausfalls, und am nächsten Tag tritt ein Politiker, diesmal der Bildungssenator an die Öffentlichkeit und verkündet: „Die Unterrichtsversorgung ist besser geworden.“ Vermutlich hat er auf die Zahlen geblickt, die ihm seine Verwaltung vorgelegt hat. Doch was nützen Zahlen, wenn die Realität an der Basis anders ist? Die Schulleiter, Kollegien, Eltern und Schüler erleben die Wirklichkeit täglich ganz konkret: hoher Krankheitsstand von Lehrern, keine Vertretungslehrer, keine Auszahlung der geleisteten Mehrarbeit.

Die Ursachen für das Desaster sind seit langem bekannt, werden aber als Gejammer aus den Schulen beiseite gewischt: massiv erhöhter Arbeitsaufwand bei den Lehrern, Verteilungskampf um Zeit und Raum, unkoordinierter Reformregen von oben. Unter dem „Angerichteten“ leidet der Unterricht und damit die Schüler und Schülerinnen. Da nützen auch bescheidene Fortschrittsmeldungen von Pisa nichts. Als Lehrer an der Basis kann man über diese abgehobenen Diskurse aus dem Reich der Theorie und Statistiken nur gequält lächeln. Das sich anschließende Lob der Bildungspolitiker über die Schulen müsste einen eigentlich zornig machen. Aber da klingelt es schon wieder zur nächsten Unterrichtsstunde, und es geht in die nächste Runde des Überlebenskampfes, den Politik und Gesellschaft der Schule zumuten.

Nun hat sich die Berliner Bildungspolitik wieder einem ihrer Lieblingsopfer zugewandt, den Schulen in freier Trägerschaft. In dieser Woche teilte die Senatsverwaltung den Vertretern der freien Schulträger mit, dass sie für 2008 mit Veränderungen bei der Refinanzierung zu rechnen haben. Im Klartext: 7,4 Prozent weniger bei der Refinanzierung der vergleichbaren Personalkosten ab dem 1. Januar 2008 als im Juni verabredet. Wohlgemerkt: Es geht um die Kürzung der Gelder für Lehrer und Lehrerinnen, die dieselbe Leistung erbringen wie Lehrkräfte an staatlichen Schulen. Es geht um staatlich anerkannte Schulen – um Schulen, die staatlich anerkannte Abschlüsse produzieren; nicht um Konkurrenten, sondern um Partner.

Jetzt beginnt wieder dasselbe Spiel. Die Bildungsverwaltung rechnet den freien Schulträger vor, dass eigentlich alles gar nicht so schlimm ist (Motiv: „Worüber regt ihr euch überhaupt auf?“). Die nächsten Sonntagsreden über den „wichtigen Beitrag der freien Schulen für die Berliner Bildungslandschaft“ liegen zwecks Tröstung und Beschwichtigung schon in den Schubladen. Hinter vorgehaltener Hand hat man sich vermutlich schon entschieden, den zu erwartenden Protest auszusitzen (Motiv: „Die werden sich schon wieder abregen!“). Beim Aussitzen hilft es, wenn man selbst an die eigenen Sprüche glaubt, mit denen man den Betroffenen und der Öffentlichkeit Sand in die Augen streut. Verwaltungen können auch Parallelgesellschaften bilden.

Im besagten Beschwichtigungsinterview zum Thema Unterrichtsausfall sagte der Bildungssenator: „Es ist unbestritten, dass die Anforderungen an Lehrkräfte in den letzten Jahren gestiegen sind. Die Arbeitszeit ist in Berlin aber weder höher noch geringer als im deutschlandweiten Durchschnitt.“

Was folgt aus solchen Vergleichen? Entweder, dass eben nicht nur die Lehrkräfte in Berlin, sondern auch die Lehrerinnen und Lehrer bundesweit mit massiven Zumutungen und Überforderungen kämpfen, welche die Politik in erheblichen Maße zu verantworten hat. Wir werden uns also bald nicht nur in Berlin fragen müssen: Wer will eigentlich noch Lehrer werden? Und was den Vergleich in Bezug auf die freien Schulen betrifft, so müsste man folgern: Dann macht es doch wie einige andere Bundesländer und refinanziert den freien Schulträgern fast die ganzen Gesamtkosten, statt nur mickrige 63 Prozent. Doch an dieser Stelle wird der Senator dann wohl sagen: Der Vergleich stimmt nicht. Womit das alte Spiel in eine neue Runde geht.

Der Autor ist Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin-Tiergarten.

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