POSITIONEN : Obama und die Juden

In den USA unterstützen die Juden mehrheitlich Barack Obama. In Israel dagegen favorisieren sie John McCain. Warum ist das so?

Michael Wolffsohn

Amerikas Juden sind gegen Obama.“ Das wird behauptet. Seit acht Jahren wird behauptet: Wie die meist jüdischen Neokonservativen stünden die meisten Juden Amerikas hinter George W. Bush. Diese alte Mär wird durch eine aktuelle ergänzt: Die US-Juden neigten zu McCain.

Die Begründung ist immer die gleiche: Die „kriegslüsternen, stockkonservativen, reaktionären“ Neokonservativen seien, wenngleich keine jüdische Erfindung, so doch jüdisch dominiert. Vor allem Neo-Cons wie Wolfowitz und Pearle, beide Juden, hätten Bushs Außenpolitik bestimmt. Ihrem Einfluss sei zuzuschreiben, dass Bush Israels „hyperaktive“, um nicht zu sagen „aggressive“ Militär- und Außenpolitik unterstütze.

Wahr ist, dass, laut einer Gallup-Umfrage vom Mai 2008, dass 61 Prozent der amerikanischen Juden Obama und nur 32 Prozent McCain bevorzugen. Bei der Gesamtwählerschaft sah es ganz anders aus: 45 Prozent für Obama und 43 Prozent für McCain. Das sind scheinbar erstaunliche Zahlen, denn es wurde Obama besonders vom Clinton-Lager mehrfach unterstellt, er wäre eigentlich Muslim, sogar ein radikaler, und er pflege enge Verbindungen zu afroamerikanischen Fanatikern.

Jeder, der auch nur oberflächlich mit der US-Geschichte vertraut ist, weiß: Seit Mitte der 30er Jahre zählen die amerikanischen Juden zu den Stammwählern der Demokraten. Man könnte ironisch sagen, sie hätten Demokraten- Gene. Seit fast 100 Jahren, genau seit 1912, haben sie immer mehrheitlich Demokraten, keinen Republikaner fürs Weiße Haus bevorzugt. Satte Mehrheiten, meist mehr als zwei Drittel der US-Juden stimmten so. Auch dieses Jahr wird sich daran nichts ändern, zumal Obama am Tag nach seinem faktischen Sieg über Hillary Clinton zur „Israel-Lobby“ (AIPAC) pilgerte und fast so etwas wie Treueschwüre gegenüber dem jüdischen Staat ablegte.

Warum auch nicht? Wie jeder global denkende US-Politiker weiß auch Obama, dass Israel in Nahost der einzig zuverlässige, kalkulierbare Partner seines Landes ist und weltweit zu den wenigen konjunkturunabhängigen Freunden Amerikas zählt. Er weiß auch, dass allein Israel die mordsgefährliche atomare Aufrüstung des Iran im letzten Moment verhindern würde, wenn es die USA nicht selbst wollten oder täten.

Weshalb sollte Obama daher ausgerechnet eine Wählergruppe verprellen, die sowohl den Interessen seines Landes als auch seiner Partei besonders verbunden ist?

Obamas Nahostpolitik wird der aktivistischen Bill Clintons ähneln, die im Jahre 2000 in ihrer egozentrischen Tölpelhaftigkeit die zweite Intifada der Palästinenser mitauslöste. Der Misserfolg dieses Clinton-Hyperaktivismus führte zur Israel-Palästina-Passivität Bushs. Obama dürfte daraus gelernt haben und einen Mittelweg zwischen beiden Polen wählen. Nur wenn die regionalen Akteure selbst friedensbereit sind, werden er oder McCain Erfolg haben. Von außen können sogar die USA keine „Lösung“ erzwingen.

Die Bindung der US-Juden zu Obama und den Demokraten ist fest. Die jüdischen Israelis aber bewerten die designierten Präsidentschaftskandidaten, ebenso wie den amtierenden Präsidenten Bush, ganz anders: Im Juni 2008 bevorzugten 46 Prozent McCain, 20 Prozent Obama. Einen Tag vor seiner Berlin-Visite war Obama in Israel. Von der Obama-Begeisterung der Deutschen war dort nichts zu spüren. Hölzern und eher unsicher sprach der Kandidat die Vokabeln, die er für den heimischen Wahlkampf brauchte. Alles war unspontane Regie und wenig verbindliche Politik. Allein die zählt bei Israelis. „Obama hat Charisma und Charme in Chicago gelassen“, bilanzierte die einflussreichste TV-Kommentatorin Israels. Tags darauf nannte die intelligenteste Tageszeitung des Landes, „Haaretz“, den popartigen Jubel der Berliner „Obamania“.

Fakt ist, dass Amerikas Juden schon lange nicht mehr automatisch wollen und ausführen, was Israel erwartet. Die Emanzipation der Diaspora, vor allem der amerikanischen, ist längst vollzogen.

Wie aber konnte die Behauptung entstehen, dass Amerikas Juden gegen Obama wären? Weil einige jüdische Amtsträger tatsächlich Obama-kritisch, doch nicht -feindlich sind. Einige Amtsträger werden mit der Gesamtheit gleichgesetzt. Wem nützt das? Denjenigen, die Juden generell in die Ecke der Störenfriede stellen wollen.

Der Autor lehrt Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Universität München.

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