Meinung : Positionen: Ohne Nation keine Integration

Sonja Margolina

Jede Gesellschaft ist potenziell gefährdet, wenn es ihr nicht gelingt, die Einwanderer, die sie nicht abweisen kann, halbwegs zu integrieren. Früher hieß Integration in Europa mühsame Anpassung und letztendlich Verschmelzung mit der Leitkultur, zumal der Großteil der Einwanderer aus christlichen Ländern kam. Das europäische Judentum war in jeder Hinsicht ein Sonderfall, und es endete in der Katastrophe. Die Globalisierung und Mobilität großer nichtchristlicher Gruppen, ihre mediale und emotionale Nähe zu den Heimatländern sowie ein wachsendes Selbstbewusstsein und religiöse Solidarität halten kollektive Identitäten der Herkunftsländer wach. Mit dem wachsenden Selbstbewusstsein wachsen auch die Ansprüche der Migranten an die Gastgesellschaft, während die Integrationsanstrengungen nachlassen. Heute muss ein Einwanderungsland ungeheuer attraktiv sein, um integrationsfördernd zu wirken.

Die wichtigsten Bedingungen für Integration bleiben, nicht anders als vor 100 Jahren, Arbeit und die Gewissheit, dass es den Kindern einmal besser gehen wird. Die Integrationsanstrengungen zahlen sich psychologisch und wirtschaftlich dann aus, wenn man sich für eine Kultur entscheidet, die sich selbst achtet, die eine Botschaft hat oder zumindest der Gesellschaft selbstverständlich und erhaltenswert erscheint, so wie es in den USA und Frankreich der Fall ist.

Die deutsche Leitkultur gibt es nicht mehr, sie wurde durch den Nationalsozialismus diskreditiert und mit dem "autoritären" Bildungskanon aus dem Massenverkehr gezogen. An ihre Stelle trat die amerikanisierte Massenkultur und eine spezifisch deutsche Leidkultur als Ersatz für den nationalen Mythos und eine nationale Identität, die von den Nazis missbraucht worden waren. "Die Selbstverfluchung... ist kerndeutsch", schrieb Thomas Mann. An sich ist das keine schlechte Eigenschaft. Im Gegenteil: Selbst unter den verspäteten Nationen gibt es kaum eine weitere, die sich so gründlich und dauerhaft einer Selbstsezierung unterzieht, die eine derartige Kultur des kollektiven Exorzismus und Selbsthasses schuf. Die Ausländer, die aus Osteuropa kommen, suchen in Deutschland hingegen nach der Kontinuität des Geistes und der Selbstachtung der Kulturnation. Stattdessen stoßen sie auf "nationale Zerrissenheit, Selbsthass und Intoleranz als Mythosersatz" (Laszlo Földenyi).

Die Gründe für diesen dramatischen Wandel sind bekannt und nachvollziehbar, die Folgen jedoch fragwürdig. Die Migranten, die in diesem Land zu leben haben, interessieren sich nicht für solche intellektuellen Feinheiten. Sie kommen aus traditionellen Ländern, in denen sich nationale und religiöse Mythen von selbst verstehen.

In Deutschland finden sie das Gegenteil dessen, was sie für selbstverständlich halten. Der Deutsche schämt sich seiner eigenen Nationalität, hält Selbsthass für die Norm und verleugnet sich stets als nicht-deutsch, als "europäisch". Emotional kann der Einwanderer sich mit dem "deutschen Verbrechen" nicht identifizieren, die Leidkultur ist ihm leid. Er merkt auch, dass die Deutschen miteinander nicht ins Reine kommen, dass die Scham über die eigene Vergangenheit nicht über den gewöhnlichen Rassismus im Alltag hinwegtäuschen kann.

Ob Deutschland ein Einwanderungsland ist oder nicht, ist lediglich eine Definitionsfrage. Was der Bundesrepublik jedoch fehlt, ist ein elementares Selbstverständnis als Nation, die alle Einwanderungsländer haben und die deshalb integrationsfähig sind. Die "Überwindung" des Nationalen ist daher keine Bedingung für eine erfolgreiche Integration, wie die Politik suggeriert, sondern im Gegenteil ein ernsthaftes Hindernis. Das nationale Unbehagen ist aber nicht nur für die Integration der Migranten hinderlich. Auch die internationale Integration - die EU-Osterweiterung und die Beziehung zu den europäischen Partnern - kann unter dem "Sich-klein-machen" Deutschlands, unter unartikulierten, verdrängten nationalen Interessen leiden. Genauso wie der Rechtsradikalismus als anderes Gesicht des deutschen Selbsthasses erscheint, wird die deutsche nationale Abstinenz in einen politischen Rechtsruck münden, wenn die Nachbarn ihren Nationalismus und ihre nationalen Interessen unmissverständlich zur Geltung bringen.

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