POSITIONEN : Pose statt Politik

Talkshows inszenieren die Demokratie – und schwächen sie so

Thymian Bussemer
Foto: Xavier Bonnin
Foto: Xavier Bonnin

Seit dem 11. September ist das Talk-Quintett der ARD komplett. Pünktlich zum Ende der politischen Sommerpause hat das Erste damit seine Politikberichterstattung jenseits der reinen Nachrichtensendungen voll auf das Format der Talkshow fokussiert: Sonntags sendet Jauch, montags gibt sich Frank Plasberg hart, aber fair, dienstags lädt Sandra Maischberger Menschen ein, den Mittwoch bestreitet Anne Will und donnerstags ist Reinhold Beckmann dran.

Soviel Talk wie heute war im Fernsehen noch nie. Derzeit gibt es 34 abendliche Talksendungen. Im Durchschnitt haben diese vier Gesprächsgäste. Das macht 136 Gäste pro Woche oder 7072 im Jahr. Zu den Dauerteilnehmern des deutschen Talkbetriebs gehören der Industrie- Lobbyist Hans-Olaf Henkel, der niedersächsische Kriminologe Christian Pfeiffer, der Stuttgart 21-Schlichter Heiner Geißler, die Journalisten Hans-Ulrich Jörges und Michael Jürgs und der Ökonom Hans-Werner Sinn. Vor allem aber kommen Bundesminister, Ministerpräsidenten, Fraktionsvorsitzende. Man kann den Eindruck haben, die politische Klasse suche die Verständigung mit sich selbst und ihren Wählern mittlerweile vor allem auf dem Bildschirm. Bundestagspräsident Norbert Lammert legte seinen Parlamentskollegen einmal eine mehrjährige Talkshow-Pause ans Herz, weil die „beachtliche Präsenz von Politikern in immer mehr Talkshows keine nachhaltige Verbesserung des Ansehens der Politiker bewirkt“ habe. Dass seine Kollegen sich daran halten, kann als ausgeschlossen gelten. Denn die Präsenz in Talkshows gilt als Ausweis von A-Prominenz, ermöglicht den Politikern eine weitgehend von redaktionellen Eingriffen freie Präsenz auf dem Bildschirm und stabilisiert so ihr Selbstwertgefühl. In der Talkshow darf sich der deutsche Politiker endlich mal so geben, wie er gerne wäre, aber definitiv nicht ist: entschlossen, tatkräftig, unbeirrt und frei von allen Zweifeln.

Doch welches Bild von Politik entsteht bei den Zuschauern? Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer hat festgestellt, dass das Politische und seine mediale Repräsentation im Talkbetrieb in ein so unproportioniertes Verhältnis zueinander geraten, dass der einzelne Zuschauer kaum noch eine Chance, das reale Gewicht und die wirkliche Bedeutung eines in Talkshows verhandelten Themas zuverlässig einzuschätzen. Alles was nach Eindeutigkeit, Entschlossenheit und Überzeugung aussieht, wird durch die Dramaturgie der Talkshows belohnt, Unsicherheit und gedankliche Suchbewegungen dagegen sind fehl am Platz. Dialoge dienen meist nur dazu, die richtige Abwurfposition für die eigene, schon lange im Vorfeld ersonnene Forderung herzustellen.

Auf den ersten Blick verspricht dieses Konstruktionsprinzip Spannung. Auf den zweiten erscheint es oft schal, abgeschmackt und in geradezu einfältiger Weise inszeniert. Die um jeden Preis erkaufte Unterhaltsamkeit schlägt, je öfter das Ritual wiederholt wird, desto häufiger in ihr Gegenteil, in gnadenlose Langeweile um. Dies trägt unterm Strich zur Demokratieverdrossenheit bei, weil viele Zuschauer dazu neigen, das so offensichtlich konstruierte Prinzip der Talkshows mit dem politischen Prozess an sich zu verwechseln.

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler behauptet: „Weil zunächst kontroverse Standpunkte ausgetauscht werden und am Ende an die Gemeinsamkeit appelliert wird, identifizieren viele Zuschauer den Ablauf einer Talk- Fernsehsendung mit dem Prozess politischer Entscheidungsfindung.“ Genau dies trifft aber nicht zu. Die Talkshows inszenieren den politischen Diskurs in einer Art und Weise, die der deutschen Aushandlungsdemokratie mit ihren vielen Verästelungen und Kompromissen diametral zuwiderläuft. Jeder Politiker weiß im Grunde seines Herzens, dass die fernsehgerechte Haltung der Entschiedenheit und Eindeutigkeit eine leere, den Medien geschuldete Pose ist. Wenn Peer Steinbrück urteilt: „Das Desinteresse am Parlamentarismus hat auch damit zu tun, dass die Politik den Ort ihrer Bestimmung verlassen hat“, kann dies durchaus wörtlich verstanden werden.

Der Autor ist Kommunikationswissenschaftler. Von ihm erscheint morgen das Buch „Die erregte Republik. Wutbürger und die Macht der Medien“ (Verlag Klett-Cotta).

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