Meinung : Positionen: Revolution ist machbar, Frau Nachbar

Citha D. Maaß

Heute tritt die afghanische Übergangsregierung unter Hamid Karsai ihr Amt an. Nach 23 Jahren Krieg ist das eine historische Zäsur. Noch gibt es keinen stabilen Frieden, noch ist ungewiss, ob die Stammesfürsten und Kriegsherrn die Autorität der neuen Führung in Kabul tatsächlich anerkennen. Deren Macht kann am nachhaltigsten gebrochen werden, wenn die rudimentären Ansätze zu einer Zivilgesellschaft rasch gestärkt werden.

Zivilgesellschaftliche Ansätze? Ist das mehr als ein frommer Wunsch? In den langen Kriegsjahren gab es immer wieder kleine Inseln, auf denen zivile Kräfte soziale Dienste organisierten. Zum Beispiel die Chirurgin Suhaila Seddiqi, die nun in der Übergangsverwaltung das Gesundheitswesen aufbauen soll. Obwohl sie nach Pakistan fliehen musste, gelang es ihr, ein kleines Krankenhaus in Kabul zu betreiben. Auch die neue Ministerin für Frauenfragen baute vom pakistanischen Exil aus mehrere Krankenhäuser in ihrer Heimat im zentralen Bergland auf. In der Taliban-Hochburg Kandahar eröffneten aus Peschawar zurückgekehrte Ärztinnen eine Mutter-Kind-Beratungsstelle. In der Stadt Ghazni ertrotzten sich einflussreiche Familien die Erlaubnis der Taliban, private Schulen mit vier Jahrgängen zu betreiben. Von Herat aus wurden zeitweise Frauen in einem ländlichen Gesundheitsdienst beraten. In Bamyian leitete eine Medizinerin die kleine Universität, in Mazar-i-Scharif waren Unterricht und Lehrlingsausbildung in Gemeindezentren möglich.

Diese Beispiele zeigen: Zivile Kräfte sind überall im Land vorhanden. Teils organisierten sie sich aus eigener Initiative, teils wurden sie durch private oder UN-Organisationen unterstützt. Daraus können Selbstheilungskräfte für die afghanische Gesellschaft erwachsen. Doch so, wie die Infrastruktur durch den Krieg zerstört wurde, ist auch die Kommunikation zwischen diesen Gruppen abgerissen. Mit Energie und Selbstbewusstsein haben sie trotz widriger Kriegsumstände durchgehalten. Nun brauchen sie Hilfe zur Selbsthilfe. Aus der Sicht afghanischer Frauen bedeutet das zu allererst, Sicherheit herzustellen, damit sie ungefährdet von ihrem Haus zum neuen Gemeindezentrum gehen können, um dort Ausbildungskurse für andere Frauen zu leiten.

Wie die neue Übergangsverwaltung Sicherheit schafft, Kabul demilitarisiert und die über das ganze Land verteilten Kampfeinheiten entwaffnet - all das wollen die Frauen nicht den Männern überlassen. Sie fordern Mitsprache, auch wenn diese Aufgaben nach afghanischen Traditionen nicht zum weiblichen Aufgabenbereich gehören. Frauen in der Übergangsverwaltung sind ein erster, notwendiger Schritt. Sie brauchen Hilfe, sich durchzusetzen.

Pragmatisch werden die Frauen akzeptieren, dass nur zwei Ministerinnen in dem 30-köpfigen Übergangsrat sitzen. Aus prinzipiellen Gründen wünschen sie aber eine Quotenregelung in der neuen Verfassung. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Die schnellsten Erfolge werden die Frauen in Kabul erzielen. Aufgrund der besonderen Situation in der Hauptstadt werden Afghaninnen dort bald öffentlich sichtbar, politisch hörbar und wirtschaftlich spürbar sein.

Der eigentliche Härtetest liegt auf dem Land, in den vielen traditionell geprägten Dorf- und Stammesräten. Den Schlüssel sehen die Afghaninnen in einem umfassenden Aufbauplan für das Erziehungswesen. Ihre Erwartungen richten sich konkret auf Berlin. Sie berufen sich auf das frühere Engagement Deutschlands im Bildungssektor, etwa bei der Gründung der prestigeträchtigen Amani-Oberrealschule 1924 in Kabul. Dort soll nun ein neuer "Mädchenzweig" hinzukommen. Generell drängen die Frauen die internationale Gemeinschaft, Ausbildungsstätten für Mädchen und Frauen aufzubauen: vom Kindergarten über Schul-, Lehrlings- und Fachschul- bis zur Universitätsausbildung. Das schließt auch die dringende Bitte ein, Computer-gestützte Ausbildungskurse speziell für Mädchen einzurichten.

Dieser Vorschlag zeigt, dass sich die zivilen Kräfte als vielfältige Brücke verstehen: als Brücke zwischen wertvollen Traditionen und nützlichen modernen Methoden und Fähigkeiten; als Brücke zwischen Personen und Gruppen im zerstörten Heimatland und Landsleuten in der nahen und fernen Diaspora; und schließlich als gesellschaftliche Brücke, über die die Frauen in die Sichtbarkeit zurückkehren und es den nur mit der Kalaschnikow vertrauten Männern ermöglichen, in zivile Ausbildungs- und Arbeitsstätten zurückzukehren. Dafür brauchen die Männer und Frauen in Afghanistan undogmatische internationale Unterstützung.

Die Autorin ist Südasienreferentin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar