Meinung : Positionen: Weimar, Stalingrad, Mauer, Einheit

Hans-Jochen Vogel

Auch der 75. Geburtstag eines Menschen ist im Grunde nur ein Kalenderdatum. Dennoch bietet er Anlass, das zu bedenken, was man bis dahin erlebt hat. Gehöre ich doch zu einer Generation, deren Lebenszeit mit geschichtlichen Ereignissen, mit Katastrophen, Zerstörung und Wiederaufbau, mit technischen Revolutionen und umwälzenden Veränderungen in fast allen Lebensbereichen und mit Ängsten und Hoffnungen in einer Dichte angefüllt war wie kaum die einer früheren Generation.

Da folgten aufeinander das Ende von Weimar, die Machtergreifung Hitlers, die Etablierung seiner Herrschaft und seine bejubelten Erfolge. Dann der Krieg, die Anfangssiege, die Wende von Stalingrad, der Luftkrieg und der näher rückende Zusammenbruch, den ich ab 1943 als Soldat und dann als Kriegsgefangener erlebte. Der Abwurf der ersten Atombombe. Die Vertreibungen und die Not der Nachkriegsjahre, das allmähliche Bewusstwerden des Holocaust und der anderen Gräueltaten, der beginnende Aufbau demokratischer Strukturen. Das Grundgesetz, der wirtschaftliche Aufstieg, die deutsche Teilung, die Westintegration, die Wiederbewaffnung und der Beginn der europäischen Einigung. Der kalte Krieg und der Bau der Mauer. Die Ostpolitik und der Helsinki-Prozess. Der Vietnamkrieg und die 68er-Bewegung. Die Zeit des atomaren Wettlaufs. Gorbatschow und seine Politik der Perestrojka und der Glasnost. Tschernobyl. Die deutsche Einigung, der Zerfall der Sowjetunion und die Implosion des Kommunismus. Der Krieg in Jugoslawien. Die Erweiterung der Nato und - in den nächsten Jahren - auch der Europäischen Union. Und die Einführung des Euro.

In diesem Szenario spiegelt sich die Entwicklung unseres Gemeinwesens seit 1945. Und natürlich gibt es zu fast jedem Abschnitt dieser Geschichte auch im Nachhinein noch viel Kritisches zu sagen. Aber unsere Geschichte in den letzten 55 Jahren war keine Geschichte der Fehlschläge und der versäumten Gelegenheiten. Tatsächlich hat die Bundesrepublik eine Entwicklung genommen, die wir 1945 in der Gefangenschaft oder in den Ruinen unserer Städte so nicht im Traum für möglich gehalten hätten. Unser Grundgesetz hat sich bewährt, die Demokratie hat in Deutschland erstmals Wurzeln geschlagen, der Rechtsstaat funktioniert nicht schlechter als in anderen Demokratien. Die materiellen Lebensverhältnisse sind trotz nach wie vor bedrückender Arbeitslosigkeit zumindest erträglich - jedenfalls im Vergleich mit der übergroßen Mehrheit der Menschheit -, für nicht wenige sogar ausgesprochen gut.

Es ist gelungen, zehn Millionen Heimatvertriebene und später - trotz allem, was hier noch zu leisten ist - mehrere Millionen ausländische Zuwanderer zu integrieren. Und vor allem: Unser Volk hat in der Völkergemeinschaft rascher wieder einen geachteten Platz eingenommen, als das angesichts all des Schrecklichen zu erwarten war, das von Deutschland in der Zeit des NS-Regimes seinen Ausgang nahm. Zuletzt ist die deutsche Teilung ohne einen Tropfen Blutvergießen überwunden worden.

Das alles ist kein Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen und vor den Herausforderungen, vor denen wir nunmehr stehen, die Augen zu verschließen. Die sind ernst genug: von den rechtsextremistischen Exzessen bis hin zu der Gefahr, dass das ökonomische Prinzip mehr und mehr die Herrschaft an sich reißt. Mir widerstrebt es jedoch, dass manche alles Schwarz in Schwarz malen und so tun, als ob wir uns am äußersten Rande der Hoffnungslosigkeit bewegten. Das weckt nicht die Kräfte, die wir zur Überwindung der Gefahren und Herausforderungen brauchen, sondern entmutigt und erstickt sie. Hingegen hilft es, sich daran zu erinnern, wie wir in der Vergangenheit auch mit Problemen zurechtgekommen sind, die uns zu spalten drohten oder gar als unlösbar erschienen. Und ebenso hilft es, wenn wir gelegentlich auch einmal dem Gefühl der Dankbarkeit Ausdruck geben.

Der Dankbarkeit dem Schicksal - oder wie ich für meine Person sage: dem Herrgott - gegenüber. Und den unzähligen Männern und Frauen gegenüber, die nicht nur an sich dachten, sondern die Grundwerte ernst nahmen, auf denen unsere Verfassung beruht, die Sekundärtugenden nicht ständig im Munde führten, aber sie praktizierten und sich für das Gemeinwohl und ihre Mitmenschen engagierten. Die gab und gibt es in der Wissenschaft, in der Wirtschaft - dort nicht nur in den Vorstandsetagen -, im Bildungswesen, in den Medien und im öffentlichen und im sozialen Dienst, in den Gewerkschaften und nicht zuletzt in den Kirchen - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und ebenso nenne ich die, die ehrenamtlich und ohne Aufhebens tätig sind und waren.

Nur weil es sehr in Mode ist, die Parteien generell abzuqualifizieren, füge ich hinzu: Die Aktivposten unserer Entwicklung sind nach 1945 nicht etwa gegen oder ohne die Parteien zu Stande gekommen. Vielmehr haben sie bei allem, was ihnen immer wieder vorzuhalten war, maßgebend zum Erfolg beigetragen, ja die Entwicklung in wichtigen Phasen gestaltet. Das gilt nicht nur für ihre führenden Repräsentanten, von denen ich stellvertretend nur Konrad Adenauer, Theodor Heuß und Willy Brandt nenne, sondern auch für Hunderttausende Mitglieder und Funktionäre, die in ihrer großen Mehrzahl auf ihre Weise dem Gemeinwohl dienten und nicht primär eigene Vorteile im Auge hatten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar