POSITIONEN : Weniger Wachstum wagen

Materieller Konsum ist nicht die Krönung menschlicher Existenz

Meinhard Miegel
Foto: promo
Foto: promo

Das Glücks- und Heilsversprechen entwickelter Industrieländer war und ist ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit, gegründet auf materiellen Massenwohlstand und dieser wiederum fußend auf stetigem Wirtschaftswachstum. Mittlerweile ist klar, dass dieses Versprechen nicht eingelöst werden kann. Denn die Art, wie seit Beginn der Industrialisierung gewirtschaftet worden ist, hat die Lebensgrundlagen aller empfindlich beschädigt. An den natürlichen Ressourcen wurde Raubbau betrieben, die Umwelt wurde weit über ihre Grenzen hinaus mit Schadstoffen befrachtet, die menschliche Gesellschaft wurde zerrüttet und darüber hinaus wurden Schuldenberge aufgetürmt, die uns jetzt zu erdrücken drohen.

Dass dieser Kurs nicht fortgesetzt werden kann, wird nur noch von einer Minderheit in Abrede gestellt. Die Mehrheit ist bereit, neue Wege zu gehen. Allerdings endet diese Bereitschaft zumeist schon nach wenigen Schritten. Sobald der Pfad ein wenig steiler wird, sehnen sich die meisten zurück nach der bequemen Ebene.

Forscht man nach den Ursachen für dieses Verhalten, ist dies die noch immer verbreitete Hoffnung, dass es während der eigenen Lebensspanne und vielleicht auch noch der der Kinder möglicherweise doch weitergehen könne wie bisher – nach dem Motto: Ja, Wandel muss sein. Aber später.

Gefördert wird diese Haltung durch Interessengruppen, Parteien und gesellschaftliche Organisationen, die daran glauben, dass technischer Fortschritt alle Verwerfungen der bisherigen Wirtschaftsweise glätten könne und folglich im Großen und Ganzen am Gewohnten festgehalten werden könne.

Und Menschen sind umso williger dem zu folgen, als sie in Anbetracht der Größe der Herausforderung nicht selten ein Gefühl der Ohnmacht beschleicht. Dann trennen sie ihren Müll und kaufen Energiesparlampen, aber zu einem echten Kurswechsel können sie sich nicht aufraffen.

Dazu fehlt es ihnen nicht selten auch an Wissen und Können. Den Kurs zu wechseln, heißt nämlich nicht zuletzt, den auf Materielles verengten Wohlstandsbegriff der Moderne um immaterielle Dimensionen, wie lebendige zwischenmenschliche Beziehungen, Fürsorge für andere, Freude an Kunst und Natur und anderem mehr zu erweitern. Das aber erfordert Fähig- und Fertigkeiten, die bei vielen nicht ausgebildet worden sind. Das nicht zuletzt deshalb, weil es an Vorbildern für einen weniger konsumorientierten Lebensstil mangelt. Was heute an Vorbildern präsentiert wird, sind nicht selten Ikonen eines geradezu schamlosen Konsums.

Diese Hürden sind zu nehmen, wenn der als richtig und notwendig erkannte Kurswechsel nicht in verbaler Unverbindlichkeit und einigem guten Willen stecken bleiben soll. Einfach ist das sicher nicht. Hier müssen überzeugende Antworten auf die Frage gegeben werden, wie Menschen auch bei geringerem materiellen Wohlstand zufrieden leben und ihre Gemeinwesen funktionsfähig bleiben können. Zwar sind hier in jüngster Zeit bemerkenswerte Fortschritte gemacht worden. Aber noch ist der gesellschaftliche Suchprozess keineswegs abgeschlossen.

In diesem Suchprozess spielen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Medien und nicht zuletzt Religionsgemeinschaften eine wichtige Rolle. Sie müssen ein Bewusstsein für die Risiken materiell aufwendiger und die Chancen immateriell geprägter Lebensweisen schaffen. Der Schlüssel zu alledem ist Bildung und zwar eine Bildung, die den Menschen nicht nur zu einem Broterwerb, sondern zugleich zu einem eigenständigen, immateriell reichen Leben befähigt.

Allerdings wird dies nicht ohne Hilfestellungen des Staates gehen. So sehr jeder einzelne gefordert ist – der Staat muss Rahmenbedingungen setzen, die ressourcenverschlingende und umweltschädliche Wirtschafts- und Lebensweisen zurückdrängen, den Bürgern Optionen aufzeigen und bürgerschaftliches Engagement stärken.

Und nicht zuletzt bedarf es Menschen, die sichtbarer als andere, also prominent, sind und die ihren Mitbürgern vorleben, wie materieller Konsum nicht Sinn und Krönung menschlicher Existenz ist.

Der Autor ist Vorstandsvorsitzender Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung.

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben