POSITIONEN : Wo Menschen füreinander sorgen

Plädoyer für eine neue Partnerschaft zwischen Staat und Familie

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Foto: promo
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Früher war alles besser. Die Ehe, die Eltern, die Kinder und damit natürlich auch die Familie! Mit dieser – irrigen – Vorstellung werden auch heute noch Sehnsüchte nach der „heilen Familie“ an eine Gesellschaft adressiert, deren Veränderungstempo mit der vermeintlichen „guten alten Zeit“ so gar nichts zu tun hat.

Der wahre Grund für diese Sehnsucht geht jedoch tiefer: die Angst vor ständig neuen Anforderungen, denen sich der einzelne Mensch, die Gesellschaft und die Familie stellen muss. Dafür muss dann gelegentlich auch ein tiefer Griff in die ideologische Mottenkiste herhalten. In der sozialromantischen Sicht auf die Familie wird mal eben der Stellenwert von Familienarbeit gegen die Bedeutung von Erwerbsarbeit ausgespielt. Ein Schelm, wer da nicht an das geplante Betreuungsgeld der Bundesregierung denkt.

Wer so debattiert, verschließt geflissentlich die Augen davor, dass Familie heute Teil einer Gesellschaft ist, die sich nach ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen organisiert. Familie ist da, wo Menschen, gleich in welcher Form des Zusammenlebens, füreinander Sorge tragen. Familie, als eine öffentlich-private Partnerschaft.

Und was daran öffentlich ist, was Politik für das Zusammenleben leisten muss, haben in Berlin Familien konkret gemacht – dokumentiert im Familienbericht 2011. Wenn Politiker an Familie denken, geht es in erster Linie um Infrastruktur, um Schule, Kita und Kleinkindversorgung. Gute Rahmenbedingungen wünschen sich die Eltern. Für ihre Familie, für ihre Arbeit. Und beides soll stimmen. Im Kita-Bereich zählt Berlin zu den Vorreitern in Deutschland.

Hier muss die Politik besonders die Alleinerziehenden im Blick haben. Für eine Stadt, in der in jeder dritten Familie Kinder mit einem alleinerziehenden Elternteil leben, ist die öffentliche Infrastruktur entscheidend. Jedoch dauert Familie „ein Leben lang“. Deshalb ist sie auch mehr als die Gründungsphase, und sie hört schon gar nicht auf, wenn die Kinder älter als acht oder 10 Jahre alt, also selbstständiger sind.

Wer seine Familie mit seinem Beruf vereinbaren kann, ist zufriedener, weniger krank und leistungsfähiger. Darauf will kein Arbeitgeber verzichten. Dann aber müssen die Bedingungen stimmen. Dass Familienfreundlichkeit ein wesentlicher Standortfaktor ist, gilt als Binsenweisheit. Auch, dass Unternehmen mit familienfreundlichen Arbeitsbedingungen einen oft entscheidenden Pluspunkt bei der Gewinnung von den immer notwendiger werdenden Fachkräften haben.

Was für den Mittelständler einfacher möglich ist, muss beim Handwerker gezielt unterstützt werden – eben als Teil einer öffentlich-privaten Partnerschaft. Doch in einer Stadt, deren Bevölkerung zunehmend älter wird, stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch ganz anders: Wie kann ich die Pflege meines Angehörigen mit meinem Job verbinden? Was können und müssen Arbeitgeber tun? Welche (Arbeitszeit-)Modelle sind schon erprobt? Was muss die Politik regeln, um eine passende Infrastruktur anzubieten und Pflegende gezielt zu unterstützen?

Die tatsächlich existierende Partnerschaft zwischen Staat und Familie wird im Zusammenleben in der Stadt ganz deutlich. Auf familiengerechte Kieze und Quartiere in der Stadtpolitik zu achten, gehört genauso dazu, wie familiengerechtes Wohnen zu fördern. Berliner Familien wünschen sich für die Angebote direkte Informationen durch ein Internetportal oder auch unmittelbare Anlaufstellen in den Kiezen durch die Einrichtung von Familienzentren. Die Familie verändert sich permanent weiter, gerade das macht sie so spannend.

Der private Beitrag zu dieser Partnerschaft wird unterschiedlich erbracht. Mancher erwartet oder bedarf besonderer Unterstützung durch die Gemeinschaft. Das gelingt, wenn auch in der Politik Familie als eine Querschnittsaufgabe vieler Politikfelder verstanden wird. Erst so wird eine echte öffentlich-private Partnerschaft für Familie möglich.

Der Autor ist Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen.

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