Präsidentenberater : „Polen gibt nicht nach“

Ein Portrait des polnischen Präsidentenberaters Marek Cichocki.

Knut Krohn

Über diesen Mann gehen die Meinungen auseinander. Den einen gilt Marek Cichocki als Verteidiger polnischer Interessen. Für die anderen ist der 42-Jährige ein Ideologe, der im Moment maßgeblich daran beteiligt ist, seinem Land Schaden zuzufügen. Tatsache ist: Cichocki fungiert seit Januar als „Sherpa“, als Beauftragter des polnischen Präsidenten für die Verhandlungen mit der deutschen Ratspräsidentschaft zur EU-Verfassung.

Im Falle Cichockis ist die Bezeichnung „Sherpa“ eine glatte Untertreibung. Der junge Aufsteiger, dem ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein nachgesagt wird, gehört zu einer Gruppe Intellektueller, die sich als Stichwortgeber der nationalkonservativen Führung um die Brüder Lech und Jaroslaw Kaczynski etabliert haben. Bisweilen wird sogar behauptet, nicht der Präsident oder der Premier legten die Linie bei den Verhandlungen in Sachen Deutschland und Europäische Union fest, sondern Cichocki, der als scharfsinniger Analyst gilt.

Seine Kenntnisse über Deutschland sammelte er während des Studiums der Germanistik und der Philosophie, seine Promotion schrieb er über Carl Schmitt. Danach arbeitete als Dozent an der Universität Warschau. Heute ist er Direktor des Europäischen Zentrums Natolin, das zu den wichtigen konservativen Denkfabriken in Polen gehört.

Geprägt wird sein Denken von einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber dem Nachbarn. Vor allem die EU-Ratspräsidentschaft Berlins löste bei ihm Ängste aus. Immer wieder hörte man den Vorwurf, Deutschland wolle sich von seiner NS-Vergangenheit befreien und strebe unter dem Deckmantel der EU eine neue Vormachtstellung in Europa an. Das ist auch einer der Gründe, weshalb Cichocki gegen den neuen Abstimmungsmodus in der Union agitiert, der Deutschland in Zukunft mehr Gewicht geben würde. „Das Prinzip der doppelten Mehrheit bei Abstimmungen widerspricht den nationalen Interessen Polens“, wiederholt Cichocki gebetsmühlenartig.

Im Ringen um einen Kompromiss wird ihm nicht nur von den Verhandlungspartnern eine gewisse Zweigesichtigkeit vorgeworfen. Die in Europa wenig beliebte Idee einer „Quadratwurzelformel“ sei lediglich ein Vorschlag Polens in Richtung eines „Kompromisses, der allen Bürgern gleichen Einfluss auf die Entscheidungen der EU geben soll“, ließ Marek Cichocki in diesen Tagen wissen. Das klingt versöhnlich, kann aber nur bemänteln, dass die Position Polens in Beton gegossen ist. Knut Krohn

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