Privat oder nicht? : Die Grenzen der Neugier

Menschen sind neugierig, das liegt in ihrer Natur. Neugier ist keine negative Eigenschaft, das Gegenteil von Neugier heißt Gleichgültigkeit. Harald Martenstein fragt sich trotzdem, ob denn wirklich alles öffentlich werden muss.

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Unser Autor Harald Martenstein. Foto: ddp
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Prozesse, in denen das Intimleben der beteiligten Personen vor der Öffentlichkeit ausgebreitet wurde, hat es in Deutschland schon häufig gegeben. Es gab, lange vor Herrn K., den Mordprozess Vera B., es gab die Fälle der Schauspielerin Ingrid van B., der „No Angels“-Sängerin Nadja B., der Moderatoren T. und F., und über das Paarungsverhalten von Boris B. dürfte auch ohne Strafverfahren alles bekannt sein.

Menschen sind neugierig, das liegt in ihrer Natur. Neugier ist keine negative Eigenschaft, das Gegenteil von Neugier heißt Gleichgültigkeit. Neugierige Nachbarn, die mitbekommen, dass in ihrer Umgebung eine Person misshandelt wird und die Polizei verständigen, tun etwas Gutes. Ich kann auch der Justiz keinen Vorwurf machen, wenn sie in einem Vergewaltigungsprozess das intime Vorleben des Angeklagten durchleuchtet, die Nebenklägerin muss schließlich das Gleiche über sich ergehen lassen. Die Frage ist: Muss alles öffentlich werden? Weil sich Geld damit verdienen lässt?

Viele Normalbürger sind sehr sensibel, wenn es um die Veröffentlichung vergleichsweise banaler Daten ihres Lebens geht. Selbst ihre Telefonnummern halten viele geheim, bei jeder Volkszählung gibt es Proteste. Sobald ein Mensch aber prominent wird, was oft damit zusammenhängt, dass er oder sie in irgendeinem Bereich besonders gute Arbeit tut, verliert er nach Ansicht vieler seiner Mitbürger das Recht auf eine Intimsphäre. Gerecht ist das nicht.

Man sollte sich klarmachen, dass man an jedem Tag Leute trifft, vor denen es einen schaudern würde, wenn man alles über sie wüsste. Vielleicht würde die Gesellschaft zusammenbrechen, wenn wir alle alles voneinander wüssten. Und man muss keineswegs ein vorbildlicher, makelloser, nicht einmal ein angenehmer Mensch sein, um gut zu moderieren, ein öffentliches Amt gut auszuführen oder künstlerisch etwas Bemerkenswertes zu leisten. Wenn es nur moralisch einwandfreien Leuten erlaubt gewesen wäre, in der Gesellschaft wichtige Funktionen zu übernehmen, dann würden wir vermutlich immer noch in Höhlen leben und an Knochen nagen. Ich rede hier natürlich nicht von Straftaten, die werden verfolgt, bestraft und veröffentlicht, und auch nicht von den notwendigen Enthüllungen. Ein Moralprediger, der privat das Gegenteil von dem tut, was er von anderen fordert, wäre solch ein Fall.

Mit der Neugier ist es wie mit fast allem, ein bisschen ist okay, die Überdosis schadet. Die Bibel ist wirklich ein gutes Buch. In ihr findet sich der Gedanke, dass nur derjenige mit Steinen auf andere werfen soll, der ganz sicher ist, selber frei zu sein von jeglicher Sünde. Leider sind sehr viele Mitbürger über sich selbst genau dieser Ansicht.

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