Probleme bei der Bahn : Rein in die erste Klasse

Es gibt fast so viele Fußball-Nationaltrainer wie Bürger in Deutschland, heißt es. So ähnlich verhält es sich mit der Deutschen Bahn. Es gibt wohl niemanden, der nicht eine Meinung über sie hätte. Darin steckt eine große Ungerechtigkeit.

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Hartmut Mehdorn muss gehen. Wie, er ist schon weg? Schade. Es gäbe keinen besseren Schuldigen für das Hitzedesaster bei der Bahn. Sein Name steht wie kein anderer für die Fixierung auf einen Börsengang, zu dem es am Ende doch nicht kam. Er trimmte das Staatsunternehmen auf Profit, ordnete dem alles andere unter. Ob kaputte Achsen oder streikende Klimaanlagen – Mehdorn, der war doch an allem schuld. Oder?

Für Mehdorns Vision, die er mit vollem Rückhalt der Politik verfolgte, musste die Bahn raus aus monopolistischem Mief. Sie sollte ein strahlender Hochglanzkonzern werden. Das brachte einerseits viel Fortschritt. Wer möchte heute noch so wie in den 60er oder 70er Jahren Bahn fahren müssen? Es wurde schneller und komfortabler – Berlin-Hamburg, von Innenstadt zu Innenstadt, ist mit Auto oder Flugzeug in gut anderthalb Stunden nicht zu schaffen. Aber es blieb andererseits auch vieles auf der Strecke. Manche Orte in der Provinz sind heute mit dem Zug nicht oder nur unter Inkaufnahme absurder Umwege zu erreichen.

Dass bei großer Hitze einige Klimaanlagen ausfallen, ist aber bestimmt nicht geheimer Teil der Strategie, vermutlich nicht einmal ihre unbeabsichtigte Folge. „Moderne Züge sind anfällig, das ist Hightech“, sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube vor einem Monat in einem Tagesspiegel-Interview, damals noch mit Blick auf Ausfälle im Winter. Offensichtlich sind Hochgeschwindigkeitszüge, die mit Tempo 250 durchs Land rasen, so kompliziert geworden, dass sie nur noch unter besten Bedingungen funktionieren.

Das ist allerdings keine Eigenart der Bahn. Gerade erst kam der Flugverkehr über ganz Europa zum Erliegen, weil Düsentriebwerke Vulkanasche nicht vertragen. Die anfälliger gewordene Elektronik legt moderne Autos gleich komplett lahm. Da hilft dann nur Abschleppen, wo man es früher mit Werkzeug richten konnte. Wenn man die Probleme und Verspätungen aller Verkehrsmittel ehrlich vergleichen würde, dann schnitte die Bahn wahrscheinlich am Ende gar nicht so schlecht ab.

Eine Entschuldigung für das Hitzedesaster ist das nicht. Das zentrale Problem ist aber wohl auch weniger, dass die Technik streikt, sondern wie Bahn-Mitarbeiter damit umgehen. Dass Züge zu spät gestoppt wurden; dass es keine Getränke gab; dass Informationen fehlten, wo sonst ständig jeder Quatsch durchgesagt wird – das alles ist unbegreiflich, unhaltbar. Nebenbei zeigt es, dass in der Bahn vielleicht noch zu viel und nicht zu wenig Staat steckt: Ein Unternehmen, das um jeden Kunden kämpfen muss, kann sich solch ein Verhalten nicht leisten. Immerhin hat sich Grube persönlich und sofort entschuldigt, und es soll schnell und unbürokratisch Entschädigungen geben.

Es gibt fast so viele Fußballnationaltrainer wie Bürger in Deutschland, heißt es. Ähnlich ist es mit der Deutschen Bahn. Da gibt es eigentlich keinen, der nicht eine Meinung über sie hätte, der nicht eine unschöne Episode zum Besten geben könnte, der nicht wüsste, wie der Konzern voranzubringen wäre. Darin steckt eine Ungerechtigkeit. Die Lufthansa wird jedenfalls mit diesem Maß nicht gemessen, obwohl ihre Transportaufgabe nicht komplexer ist: In einem Monat befördert die Bahn so viele Passagiere wie die Lufthansa im ganzen Jahr.

Aber darin steckt auch eine große Chance. Egal ist den Deutschen ihre Bahn nicht. Sie möchten aber besser behandelt werden. Bei japanischen Hochgeschwindigkeitszügen, von denen Grube so viel hält, stimmen nicht nur Technik und Pünktlichkeit: Der Schaffner verbeugt sich beim Betreten des Wagens, um den Fahrgästen seinen Respekt zu zeigen. Will sagen: Mehr erste Klasse – das muss der Anspruch sein.

Technische Präzision und erstklassiger Service müssen zusammenkommen. Der nächste Winter werde wieder eine große Herausforderung, sagte Grube im Tagesspiegel. Dass ein paar heiße Sommertage mindestens genauso schwierig werden, konnte er nicht ahnen. Der Konzern muss schnell aus seinen Krisen lernen, bei der Berliner S-Bahn genauso wie bei den Sauna-ICEs. Nur dann wird es heißen können: Alle Wetter, die Bahn.

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