Meinung : Reemtsma-Prozess: Das Opfer im Rampenlicht

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Thomas Drach hat über Jan Philipp Reemtsma und seine Familie furchtbares Leid gebracht. Das verschwundene Lösegeld fällt daneben nicht ins Gewicht. Er sühnt seine Tat mit 14 Jahren und sechs Monaten Haft. Mehr gibt das Gesetz kaum her. Wohl noch nie stand in Deutschland das Schicksal eines Opfers so sehr im Mittelpunkt eines Strafprozesses. Reemtsmas wortmächtige Beschreibungen seiner Qualen, seiner Ängste im Keller - sie zeichneten nicht nur den Richtern ein genaues Bild von den Folgen einer Tat, sie ließen in Buchform die ganze Nation daran teilhaben. Dadurch wuchs auch der öffentliche Druck. Das Gericht hatte kaum eine andere Wahl, als den Anträgen der Staatsanwaltschaft weitgehend zu folgen. Reemtsma wäre das gewiss lieber erspart geblieben: Aber das Verdienst des Hamburger Sozialforschers und Millionärs ist es, den in Strafprozessen oft übersehenen Opfern ein Gesicht gegeben zu haben. Doch daneben hinterlässt der Richterspruch einen bitteren Geschmack: Wie fällt das nächste Urteil aus, wenn es wieder um Namenlose geht? Werden auch ihre Gefühle solches Gehör finden? Das Hamburger Urteil bestätigt eine tragische Einsicht: Das Recht gehört den Starken, Einflussreichen; denjenigen, die die Sprache beherrschen. Selbst wenn sie Opfer sind.

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