Meinung : Rettet den Speck ins Frühjahr!

Roger Boyes, The Times

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Es ist eine große Kunst, Berlin in den Mund schauen zu können. Zahnärzte sehen alles: die Fäulnis und den Verfall, den Amalgamschrott, die von Zucker angefressene Emaille. Anatol Gotfryd hat mehr Berliner Weisheitszähne gezogen als irgendjemand sonst in der Stadt, nachdem er in den 60ern seine Praxis am Ku’damm eröffnet hatte. Wer etwas auf sich hielt, ging zum Bohren dorthin. Samuel Beckett saß bei ihm im Stuhl, auch der ewige Playboy Rolf Eden, Dutzende Schauspieler (Gotfryds Praxis war praktischerweise in der Nähe der Schaubühne), Maler, Bildhauer und Bubi Scholz, der für einen Boxer erstaunlich eitel war. Reiche Menschen, arme Menschen, die nicht mehr zu verlieren hatten als ihr Karies. Und so wurde Gotfryd zu einem weisen Mann, wenn er nicht schon immer einer war.

Ich traf ihn vor ein paar Tagen bei einem Abendessen, und er räumte ein, dass alle – wie prominent auch immer – ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie einen Zahnarzt treffen. Wenige freuen sich; immer ist es da, das unerbittliche Gefühl, seine Backenzähne zu vernachlässigen.

Danach kam ich ins Grübeln, wie sehr die Stadt von schlechtem Gewissen beherrscht wird. Wir befinden uns natürlich gerade in der Schuldsaison. Jede Frauenzeitschrift ist voll von Ratschlägen, wie man seinen Weihnachtsspeck loswerden kann. In meinem Supermarkt beobachtete ich, wie eine Frau das Weightwatchers-Beiheft („Erfolgreich abnehmen und schlank bleiben“) von der „Für Sie“ klaute. Ihr Neujahrsvorsatz bestand offenbar darin, Gewicht zu verlieren, nicht mit dem Ladendiebstahl aufzuhören.

Schaut man sich die Zeitungsständer an, dann merkt man, dass das Land von einer Art Amnesie befallen ist. „Die große Frühjahrsdiät“ verspricht die „Freundin“, mit „Fat-Burner und natürlicher Detox-Wirkung“. Aber Moment mal bitte! Das kann doch unmöglich die gleiche Zeitschrift sein, die in ihrer Dezemberausgabe für ein Gourmet-Weihnachten den Lesern das folgende Rezept für Schokoladentrüffel mit Lebkuchengewürz nahe gelegt hat: 200g dunkle Schokolade, 100g Crème fraîche, 3 TL Lebkuchengewürz, 3EL Rum, 1 EL Butter, 3 EL Kakaopulver. Nimmt man die Dezemberausgaben der Frauenzeitschriften wörtlich, dann gehört Weihnachten eher verboten als das Rauchen. Die Redakteurinnen versuchen, uns im Dezember umzubringen, um uns im Januar zu retten. Willkommen in der nachweihnachtlichen Schuldgefühlmaschine.

Mein Sportstudio – nennen wir es aus Datenschutzgründen Asphyxia – ist voll mit Menschen, die sich auf den Cross-Trainern kasteien und dabei n-tv gucken. Angestachelt von Schuldgefühlen. Am Schwarzen Brett werden Personal Trainer gesucht, die zählen, wie oft man das 20-Kilogramm-Gewicht stemmt.

Januar, damit hier kein Zweifel aufkommt, ist die Hölle. 31 Tage Selbstgeißelung. Es ist viel sinnvoller, den Speck ins Frühjahr zu retten, wenn die T-Shirts plötzlich so eng sind, dass es zur Unterbrechungen der Blutzirkulation kommt. Dann abzunehmen ist rational; jetzt ist es das nicht.

Dabei gibt es eine Menge Dinge, die einem ein schlechtes Gewissen machen sollten. Nein, nein, nein, den Krieg meine ich nicht. Vergessen Sie den. Oder lieber nicht. Und ich meine auch nicht Afrika. Sich schuldig zu fühlen, dass man reich ist, wenn andere arm sind, ist meiner Meinung nach eine vollkommen neurotische Reaktion. Das ist nicht die Grundlage christlicher Nächstenliebe, sondern eine Art von Störung. Politisches Desinteresse ist vielmehr ein guter Grund für Schuldgefühle. Warum akzeptieren die Deutschen ohne großen Widerstand eine große Koalition, die niemand wollte und die niemand gewählt hat? Warum ist die Opposition eingegangen?

Die Antwort lautet Trägheit. Das sollte Schuldgefühle auslösen und die sollten zu einer Kraft für Veränderung werden. Ich könnte Dutzende Gründe aufzählen, warum die Deutschen ein schlechtes Gewissen haben sollten. Wie kann es sein, dass 17 Jahre nach der Wiedervereinigung 65 Prozent der Westler noch nie im Osten waren (von meinen Mittagstischfreunden bei Rogacki auch „Dunkeldeutschland“ genannt). Die Westdeutschen sollten sich schämen. Aber wenn man anfängt, Schuldkataloge anzulegen, wird man schnell zu einem Amateurpriester oder Westentaschentherapeuten. Berlin hat schon genug solcher Seelenärzte. Die Stadt braucht eher mehr Zahnärzte.

Vergangenen Mittwoch nahm ich meinen Mut zusammen und ging zum Zahnarzt. Ich war es leid, mich hinter der Zeitung zu verstecken, jedes Mal, wenn er in seinem Porsche zur Arbeit fuhr. „Es war eine ganze Weile“, sagte die Zahnarzthelferin. „Drei Jahre“, antwortete ich. „Vier“, sagte sie. „Haben Sie Schmerzen?“ – „Nein“, stotterte ich, „nur ein schlechtes Gewissen.“ Sie nickte zustimmend. Wieder einmal hatte der Schuldfaktor einen Patienten zurück in den Schoß geführt.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller

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