Meinung : Rocco und seine Brüder

Amerika und Europa trennt die Religion: Jenseits des Atlantiks ist Buttiglione ein Held

Malte Lehming

Bald ist Silvester, die Nato tagt in Brüssel, der Kanzler tourt durch Fernost. Die richtige Zeit also für einige Orakel: Hat die Nato noch eine Zukunft? Nein, aber sie muss so tun als ob. Kann Deutschland im Verbund mit Frankreich es schaffen, Europa als Gegengewicht zu Amerika aufzubauen? Nein, aber die Interessengegensätze vergrößern sich – erst Kyoto, Internationaler Gerichtshof, Irakkrieg, jetzt China, Dollar, UN-Reform. Darf sich Europa als Gegengewicht zu Amerika verstehen? Nein, es muss auch eine eigene, positive Identität finden. Und zuletzt: Wird das transatlantische Gemurkse auch unter Bush II fortgesetzt?

Die Antwort auf diese Frage bedarf, bevor es spannender wird, zweier kurzer Absätze. Auf persönlicher Ebene naht die Epoche des großen Grinsens. Das Wort von einer „Charmeoffensive“ macht die Runde: Schröder/Bush, Fischer/ Rice, Struck/Rumsfeld, Schily/ Gonzales: Sie alle werden sich herzen und drücken und beteuern, dass ihre Differenzen normal seien und nicht von Belang. Die Fundamente der Beziehung seien fest.

Parallel dazu werden die Rivalitäten freilich gnadenlos weiter ausgetragen. Denn in Washington wie Berlin glaubt ein beträchtlicher Teil der politischen Klasse, der Partner sei zum Konkurrenten mutiert. Leider profitieren von dieser unterschwellig aggressiven Rivalität zwei Regime, die es wahrlich nicht verdient haben: Russland und China. Bush und Schröder – getrieben von der Angst um Einfluss, Pfründe und globale Macht – überbieten einander an Peinlichkeiten, mit denen sie um die Gunst von Putin und Hu werben. Die wiederum lachen sich ins Fäustchen.

Nun zur etwas kühneren Jahresendprognose: Nicht strategische und materielle Gegensätze allein machen das transatlantische Gebälk morsch, sondern vor allem die Spiritualität. Im „American Enterprise Institute“, einem konservativen Thinktank, werden die Doktrinen der Bush-Regierung vorgedacht. Am vergangenen Mittwoch, frühmorgens um neun, war der Konferenzsaal im zwölften Stock überfüllt. Die Veranstaltung hieß „Religious and European“ – lassen sich diese beiden Begriffe noch miteinander vereinbaren? Als Stargast trat der Italiener Rocco Buttiglione auf. Wir erinnern uns: Im Oktober hatte das EU-Parlament in einem bis dato einmaligen Akt die Ernennung Buttigliones zum Justiz- und Innenkommissar verhindert. Der Papstfreund und Jesuit, ein gebildeter Mann mit philosophischer Ausbildung, sei „zu katholisch“. Ihm war vorgeworfen worden, Homosexualität als Sünde bezeichnet und allein erziehende Mütter diskriminiert zu haben. In Europa herrschte Konsens, einer wie er sei als Kommissar nicht hinnehmbar.

In Amerika dagegen wird Buttiglione als Held gefeiert, der sich der säkular-liberalen Inquisition widersetzt habe. Die Corpora Delicti stünden in keinem Verhältnis zur öffentlichen Empörung. Das inkriminierte Zitat lautet: „Falls ich der Meinung sei, Homosexualität sei eine Sünde, hätte das keine Auswirkung auf meine Politik, so lange ich nicht behauptete, Homosexualität sei ein Verbrechen.“ Die Metapher von den allein erziehenden Müttern hatte Buttiglione wiederum im Kontext der transatlantischen Beziehungen benutzt: Es sei das Beste, wenn Europa und die USA weiter Seite an Seite stünden, damit ihre Kinder – die Völker – eine Mutter und einen Vater haben.

„Rocco sollte gezwungen werden, sein Gewissen zu verraten.“ Oder: „Europa, in dessen Mitte die antireligiösen Ideologien des Kommunismus und Faschismus entstanden sind, hat das Religiöse aus der Öffentlichkeit verbannt.“ Solche Sätze fielen in der Diskussion. Amerika ist ein Einwanderungsland. Die ersten Siedler kamen aus Europa, weil sie dort religiös verfolgt wurden. Buttiglione wird in diese Tradition gestellt. Das Magazin „Newsweek“ wartet in seiner jüngsten Ausgabe mit Zahlen auf: 79 Prozent der Amerikaner glauben an die unbefleckte Empfängnis, 67 Prozent halten alle Details der Geburtsgeschichte Jesu – vom Erscheinen der Engel bis zum Stern von Bethlehem – für historisch akkurat. Frohe Weihnachten, allerseits, diesseits wie jenseits des Atlantiks!

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