Meinung : Rolle mit Kontrolle

Amerika sucht Helfer im Irak, aber wer kann die schützen?

Christoph von Marschall

Amerika erkennt langsam die Grenzen seiner Macht. Die Supermacht zögert zwar noch, die Konsequenzen daraus zu ziehen, aber die Sprengung des UN-Gebäudes in Bagdad zeigt Wirkung bis ins ferne Washington. Die Explosion hat das Selbstverständnis sichtbar erschüttert. Die USA schaffen es nicht alleine, Sicherheit und Wiederaufbau im Irak zu gewährleisten. Nun darf Außenminister Colin Powell plötzlich doch mit UN-Generalsekretär Kofi Annan und den Mitgliedern des Sicherheitsrats über eine neue Resolution beraten, die den UN und den europäischen Verbündeten substanzielle Mitspracherechte gibt. Vor einer Woche war Amerikas Devise noch role, but no control. Die von Frankreich geforderte Militärmacht unter UN-Fahne und unter nicht-amerikanischem Oberbefehl werden die USA nicht akzeptieren, klar ist aber: Wenn europäische Staaten die Bitte um Hilfe erfüllen, dürfen sie eine Rolle mit Kontrolle verlangen.

Noch hat sich dieser Gedanke in der Bush-Regierung nicht durchgesetzt. Dort wird brutal pragmatisch gedacht. Um die Widerstandsgruppen zu bekämpfen und ein höheres Maß an öffentlicher Sicherheit zu garantieren, braucht die Besatzungsmacht weit mehr Soldaten im Irak. Da Amerika aber nicht mehr schicken will – die Öffentlichkeit verlangt sogar, GIs heimzuholen –, sollen die Verbündeten aushelfen. Es liege schließlich im gemeinsamen Interesse des Westens, dass die Stabilisierung des Irak gelinge.

Diese Interessendefinition stimmt. Dennoch ist es erstaunlich, wie rasch viele deutsche Medien darin eine Begründung sehen, dass auch Deutschland sich demnächst im Irak engagieren müsse. Dieser Krieg galt vor wenigen Wochen noch als großer Fehler. Und jetzt sollen deutsche Soldaten oder Aufbauhelfer ihre Knochen hinhalten? Heißt Solidarität, sich selbst den Anschlägen einer schwer kalkulierbaren Guerilla auszusetzen? Oder glaubt jemand, uns würde es nicht treffen, weil die Iraker ja nur was gegen die Amerikaner haben? Diese Vorstellung – dass der Widerstand unterscheide zwischen bösen Besatzern (Amis, Briten) und guten Aufbauhelfern (UN, Deutsche und andere Kriegsgegner) – hat der Anschlag auf das UN-Gebäude soeben als naiv und weltfremd entlarvt.

Ja, es ist ein Schock, dass die UN zum Ziel des Terrors werden. Ein Schock für die UN selbst, die ihre Neutralität in Bagdad auch dadurch unter Beweis stellen wollten, dass sie keine US-Truppen vor dem Eingang wünschten, wie sich jetzt herausstellt. Wenn das stimmt, ist Kofi Annans Vorwurf fehlenden Schutzes ungerecht. Richtig bleibt: Es ist Aufgabe der USA, Sicherheit im Irak herzustellen. Die Terrorgruppen haben offenbar alle im Visier, die dem Land zu einem normalen Alltag verhelfen wollen. Nicht nur jede militärische, auch zivile Aufbauhilfe kann zu einem Himmelfahrtskommando werden.

Deshalb muss erst mal über ein Konzept gegen die Bedrohung gesprochen werden, ehe von Hilfe für die USA die Rede sein kann.

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