Rückkehr des Terrors : Bombay ist überall

Man stelle sich vor: Islamisten stürmen Berliner Luxushotels und suchen gezielt nach Amerikanern, Briten und Juden - um sie zu töten. Der Horror von Bombay kann morgen schon Deutschland treffen. Doch Schutz vor Terrorattacken ist nicht zu erreichen, wenn man hierzulande auf Stillstand in der Sicherheitsarchitektur setzt.

Frank Jansen

Man stelle sich vor: Bewaffnete Islamisten stürmen in Berlin das Hotel Intercontinental und das Hilton. Die Terroristen nehmen zahllose Geiseln und suchen gezielt nach Amerikanern, Briten und Juden – um sie zu töten. Gleichzeitig dringen Terroristen wild schießend in den Hauptbahnhof ein. Weitere Terrorkommandos attackieren eine McDonald’s-Filiale am Kurfürstendamm und das Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke. Kilometerweit sind Explosionen zu hören, über den Hotels steigen Rauchwolken auf. Auf den Straßen brennen Autos, schreiende Menschen flüchten, im Chaos kommen Polizei und Feuerwehr kaum durch. Spezialeinheiten jagen von einem Brennpunkt zum nächsten. Die Sicherheitskräfte sind überfordert, erst nach und nach trifft Verstärkung aus anderen Bundesländern ein. Unterdessen verlangen die Terroristen, die sich mit Geiseln verschanzt haben, die Freilassung aller in Deutschland inhaftierten islamistischen „Brüder“.

Am Ende, nach mehr als 24 Stunden, sind viele Geiseln tot. Die Polizei hat bei den Schießereien mit den Terroristen mehrere Beamte verloren. Berlin und die Republik sind starr vor Schreck.

Alles nur Alarmismus? In Bombay ist zu besichtigen, wozu die islamistische Terrorszene fähig ist. Vermutlich hat Al Qaida den Angriff initiiert, wenn nicht geplant. Der Terror ist wieder da, werden jetzt viele in Deutschland denken und frösteln. Dabei war er nie weg. Der Horror von Bombay kann morgen schon Deutschland treffen. Wer geglaubt hat, die Gefahr verdrängen oder verharmlosen zu können, weil in der Bundesrepublik bislang kein Anschlag verübt werden konnte, sollte sich die Bilder aus Indien genau anschauen. Die Mordorgie der Terroristen ist ein Fanal, das militante Islamisten auch in Deutschland begeistern wird. Und sie vielleicht animiert, es ebenfalls zu probieren, genauso blutig.

Die Anschläge in Bombay sind wohl auch auf regionale Konflikte zurückzuführen, zum Beispiel auf das Ringen zwischen Indien und Pakistan um Kaschmir. Aber die Suche der Terroristen in Bombay nach Amerikanern, Briten und Juden zeigt, dass auch der Westen getroffen werden sollte. Ist der Westen, ist Deutschland darauf vorbereitet? Mit Glück und dank der Effektivität der Sicherheitsbehörden sind in der Bundesrepublik bislang Anschläge verhindert worden. Die Kofferbomber waren jedoch nicht mehr zu stoppen, als sie im Juli 2006 in zwei Zügen Höllenmaschinen deponierten, und das Inferno nur dank eines technischen Defekts ausblieb.

Die Republik bleibe trotz aller Fahndungserfolge „extrem verletzlich“, warnte kürzlich der renommierte Terrorismusexperte Guido Steinberg. Er empfahl, Polizei und Nachrichtendienste müssten die Radikalisierung bei jungen deutschen wie nichtdeutschen Muslimen stärker beobachten, gerade auch an Universitäten. Mit mehr V-Leuten. Zur Erinnerung: Die beiden aus dem Libanon stammenden Kofferbomber studierten in Deutschland. Ob Steinberg gehört wird?

In der öffentlichen Debatte über eine Stärkung der Sicherheitsarchitektur, zum Beispiel mit dem neuen BKA-Gesetz oder einem vorsichtig dosierten Einsatz der Bundeswehr im Inland, ist nicht immer zu erkennen, dass der Ernst der Lage begriffen wird. So notwendig der Streit über die Balance von Freiheit und Sicherheit erscheint, müsste doch klar sein, dass der größtmögliche, rechtsstaatlich vertretbare Schutz vor einer Katastrophe wie in Bombay nicht zu erreichen ist, wenn Deutschland auf Stillstand setzt.

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