Rüstung : Syrische Chemiewaffen - mit deutscher Hilfe

Syrien hat eines der größten Chemiewaffenarsenale der Welt. Dass es so weit kommen konnte, dafür tragen auch die USA und Deutschland einen Teil der Verantwortung.

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In Israel bereiten sich die Menschen auf mögliche Angriffe mit chemischen Waffen vor. Hier werden Gasmasken ausgeteilt.
In Israel bereiten sich die Menschen auf mögliche Angriffe mit chemischen Waffen vor. Hier werden Gasmasken ausgeteilt.Foto: reu

Seit Montag hat der Syrien- Konflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht: Niemals würden Massenvernichtungswaffen gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt, erklärte ein Sprecher des Außenministeriums – diese seien nur für den Fall eines Angriffs von außen vorgesehen. Die westliche Weltgemeinschaft reagierte mit demonstrativer Empörung. Barack Obama drohte mit harten Konsequenzen, falls Assad Chemiewaffen einsetze. Guido Westerwelle sprach von einer „menschenverachtenden Denkart“ des Regimes. Politische Berater zeigten sich entsetzt, dass Syrien erstmalig zugebe, Massenvernichtungswaffen zu besitzen.

Das diplomatische Hundegebell soll jedoch nicht den Herrscher in Damaskus, sondern in erster Linie die jeweils eigene Bevölkerung beeindrucken – mit gutem Grund: Dass Syrien eines der größten Chemiewaffenarsenale der Welt hat, ist lange bekannt und ein Grund dafür, dass für den Westen eine militärische Intervention nicht infrage kommt. Dass es so weit kommen konnte, dafür tragen auch die USA und Deutschland einen Teil der Verantwortung.

Das syrische Chemiearsenal geht auf den Jom-Kippur-Krieg von 1973 zurück. Aus Angst vor einem Einsatz israelischer Massenvernichtungswaffen lieferte Ägypten seinem damaligen Mitstreiter Artilleriegeschosse und Bomben, die mit Sarin und Senfgas gefüllt waren. Nach der für Syrien desaströsen Niederlage (die israelischen Truppen standen im Handumdrehen kurz vor Damaskus) machte Hafiz al Assad, der Vater des heutigen Präsidenten, das zivile „Scientific Studies and Research Center“ (SSRC) in Damaskus zu einer verdeckten Militärforschungseinrichtung. Der Auftrag: Entwicklung einer arabischen Massenvernichtungswaffe, als Abschreckung für die heimliche Atommacht Israel.

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Blutiger Aufstand gegen Assad
18. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 99Foto: AFP
18.07.2012 16:0418. Juli 2012: Assads Verteidigungsminister Daud Radscha wird bei einem Anschlag der Freien Syrischen Armee in Damaskus getötet.

Die extrem säurefesten Geräte, die für die Produktion chemischer Kampfstoffe benötigt werden, besorgte sich das SSRC in Deutschland. Kolben und Rohre aus hochwertigem Borsilikat kamen von den Schott Glaswerken, andere deutsche Firmen lieferten Hochtemperaturpumpen, teflonbeschichtete Edelstahlbehälter und Spezialwerkzeuge – einige dieser Exportgeschäfte waren sogar durch staatliche Hermes-Bürgschaften abgesichert.

Unter dem Deckmantel der zivilen Forschung pflegte das SSRC internationale Kontakte und sammelte ausländische Fördermittel ein. Gemäß inzwischen veröffentlichten Geheimdienstberichten gelang es Syrien schnell, in großem Stil Sarin und Senfgas herzustellen. Auch das besonders gefährliche Nervengift VX, das wegen seiner öligen Konsistenz lange aktiv bleibt und für den Einsatz in Raketen besonders geeignet ist, steht dem alawitischen Herrscher seit den 90er Jahren zur Verfügung. Als die Bundesregierung 1992 endlich vor Forschungskooperationen mit dem SSRC warnte, waren die syrischen Giftfabriken bereits in Betrieb.

Seitdem die israelische Luftwaffe im September 2007 den geheimen Atomreaktor im Nordwesten Syriens zerstörte, wurde vor allem die Entwicklung chemischer Waffen vorangetrieben. Fachleute gehen davon aus, dass Assad heute über mindestens 100 einsatzbereite Scud-Raketen mit chemischen Gefechtsköpfen verfügt.

Video: Syrien droht mit Einsatz von Chemiewaffen

Im Gegensatz zu dieser Bedrohung waren die verrotteten Giftkanister in Gaddafis Wüstenbunkern geradezu niedlich. Auch die unfertigen Atompläne Teherans sind – derzeit – weniger gefährlich. Während sich Libyen und Iran mit unfertigen Plänen brüsteten, trieb Syrien diskret die Entwicklung eines autonomen Abschreckungsarsenals voran. Nachdem Syrien sich im zweiten Golfkrieg 1990 auf die Seite der Alliierten gegen den Irak gestellt hatte, galt es einige Zeit sogar als Hoffnungsträger für eine Stabilisierung der Region. Die USA schossen sich auf Beirut und Teheran ein und ließen den Diktator in Damaskus gewähren.

In der jetzigen Lage haben die westlichen Politiker deshalb, trotz demonstrativer Drohungen, keine militärische Option gegen Assad. Hunde, die nicht beißen können, bellen bekanntlich am lautesten.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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