Meinung : Rüttgers-Index: Beim RÜX liegt Merkel hinten

Robert Birnbaum

An der Börse haben sie den DAX. Der Index misst das tägliche Auf und Ab der Wertschätzung, derer sich die deutschen Aktien im Schnitt erfreuen. Bei der CDU haben sie den RÜX. Das ist der Rüttgers-Index, und er liefert einen groben, aber richtungweisenden Messwert dafür, wie die Aktien der Parteichefin Angela Merkel gerade so stehen: Nämlich umso schlechter, je ausgiebiger und lautstärker der nordrhein-westfälische CDU-Chef Jürgen Rüttgers auf die Bedeutung seines Landesverbands für die Bundespartei hinweist.

Ob es einen ursächlichen Zusammenhang gibt, hat die Wissenschaft noch nicht geklärt. Aber der RÜX funktioniert. In den letzten Tagen hat sich Jürgen Rüttgers nach längerer medialer Abstinenz in Machtfragen gleich mehrfach zu Wort gemeldet. Zuletzt mit dem Hinweis, dass gegen die Nordrhein-Westfalen-CDU niemand Kanzlerkandidat der Union werden könne.

Da aber nun hinlänglich bekannt ist, dass Rüttgers von Angela Merkel so wenig hält wie sie von ihm, da ferner bekannt ist, dass Rüttgers gerade erst am Wochenende Besuch vom CSU-Chef Edmund Stoiber hatte, lesen die Auguren daraus eine Spitze gegen Angela Merkel.

Nun könnte man das unter die Macht- und Personalspielchen einreihen, die in jeder Partei an der Tagesordnung sind, besonders dann, wenn es ihr schlecht geht. Auch ist gewiss der Hinweis sinnvoll, dass Rüttgers im eigenen Landesverband nicht unumstritten ist und ein sehr eigenes Interesse daran hat, als wichtiger Bundespolitiker aufzutreten - wozu er, dies nur nebenbei, demnächst in seiner Eigenschaft als Gentechnik-Beauftragter der Partei noch mehr Gelegenheit haben wird. Obendrein ist es mit der Veto-Macht seines Landesverbandes in der Kanzlerkandidaten-Frage so weit nicht her - sie würde allenfalls dann zum Tragen kommen, wenn es auf einem Parteitag ein echtes Kandidatenduell gäbe.

Das alles aber wäre nur parteipolitisches Klein-Klein, gäbe es nicht den RÜX. An dem gemessen müssten Angela Merkels Aktien gerade nicht so besonders günstig stehen. Vorsichtig gesprochen. In der Tat sind in der Partei und in der Fraktion in letzter Zeit sehr skeptische Töne über die Parteichefin zu hören. Dass die Union 2002 eine reelle Chance auf einen Wahlsieg haben könnte, glauben ohnehin wenige. Aber in der Frage, mit wem an der Spitze das unter den üblen Umständen noch relativ beste Ergebnis zu erzielen wäre, waren die Entscheidungsträger bisher zumindest gespalten. Im Augenblick jedoch lauten die internen Wetten ziemlich einheitlich auf Edmund Stoiber - bei nicht wenigen freilich mit dem resignativen Zusatz: Der hält wenigstens das Stammpublikum. Und kann womöglich das letzte, schlechte Kohl-Ergebnis von 1998 verbessern.

Das ist, wie immer in diesen Fragen, eine Augenblicksstimmung. Dass niemand erklären kann, wie Angela Merkel sie zu ihren Gunsten verändern könnte, besagt nicht viel - dazu haben wir an der politischen Börse schon zu viel Auf und Ab erlebt. Nur so viel für heute: Es dürfte sich lohnen, den RÜX im Auge zu behalten. Bisher misst er ziemlich zuverlässig.

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