Russland : Gas und Dostojewski

Gerne wird Moskau vorgeworfen, Rohstoffe als außenpolitisches Druckmittel einzusetzen. Beides ist jedoch im gegenwärtigen Streit kaum zu trennen: Russland hat das Gas, die Ukraine die Pipelines.

Jens Mühling

Ganz so eisig wird der Winter nun wohl doch nicht. Zwar herrschte auch gestern beim Brüsseler Treffen zwischen EU, Russland und Ukraine ein mehr als frostiges Gesprächsklima, doch mit Moskaus Ankündigung, die Gaslieferungen durch das Nachbarland unter EU-Überwachung wiederaufzunehmen, scheint ein Ende des Zitterns absehbar.

Und doch hat eine neue Kälte Einzug gehalten in Europa, hat sich ein Frost festgesetzt, der auch mit frischen Gaslieferungen schwer aufzutauen sein wird. Selten schien das Wort vom Neuen Kalten Krieg angebrachter. Wer in den vergangenen Tagen fernsah, erlebte einen schmallippig-breitbeinigen Wladimir Putin, der in der Auseinandersetzung mit dem Westen nicht die diplomatischen Umgangsformen des 21. Jahrhunderts wählte, sondern das machtpolitische Autoritätsgebaren des 19. Jahrhunderts.

Und wieder einmal – wie schon im Kaukasuskrieg, wie bei Putins Polterrede in München, wie auch beim letzten Gasstreit – reibt sich der Westen angesichts dieser Ihr-mich-auch-Attitüde konsterniert die Augen. Und fragt sich: War da nicht mal ein anderes Russland? Ein großherzigeres, kompromissbereiteres, weicheres Land, das konziliant aufzutreten wusste wie Michail Gorbatschow, das den Westen umwarb wie Boris Jelzin?

Wir haben ja gesehen, würde Iwan Normalkonsument entgegnen, wohin uns diese Weichheit gebracht hat! Ob zu Recht oder nicht, Russland fühlt sich vom Westen übergangen, übervorteilt. Lang ist die Liste der postsowjetischen Kränkungen. Deshalb erntet Putin sogar für die Form seiner donnergrollenden Auftritte innenpolitischen Beifall – während inhaltlich ohnehin kaum jemand seine energiepolitischen Zielsetzungen infrage stellt, nicht einmal seine innerrussischen Kritiker. Denn der Gasstreit, darüber sollte sich auch der Westen im Klaren sein, berührt die Kerninteressen eines Landes, das wirtschaftspolitisch nicht allzu viele Karten in der Hand hält.

Russlands derzeitiges Exportrepertoire beschränkt sich, zugespitzt formuliert, auf Rohstoffe und literarische Klassiker. Geld verdienen lässt sich nur mit Öl und Gas, nicht mit Dostojewski – was den Westen jedoch nicht glauben lassen sollte, der Meister des psychologischen Realismus würde im heutigen Russland nicht mehr geschätzt. Putins unterkühlte Art darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier ein hoch intelligenter, auf seine Art durchaus sensibler Verhandlungspartner auftritt, der Europas Psyche kennt und durchschaut.

Seit Jahren wird in der EU wortreich die Notwendigkeit einer gemeinsamen Energiepolitik beschworen, seit Jahren will man sich unabhängiger von Russlands Lieferungen machen. Passiert ist: nichts. Wenn das die vielbeschworene ausgleichsorientierte Win-Win-Außenpolitik des 21. Jahrhunderts sein soll – dann darf Russland sich zu Recht fragen, ob es mit seiner interessenorientierten Machtpolitik nicht doch besser fährt.

Gerne wird Moskau vorgeworfen, Rohstoffe als außenpolitisches Druckmittel einzusetzen. Beides ist jedoch im gegenwärtigen Streit kaum zu trennen: Russland hat das Gas, die Ukraine die Pipelines. Aus diesem handfesten Interessenkonflikt dürfte Kiew als wirtschaftlicher Verlierer hervorgehen – und als moralischer Gewinner. Putin weiß das, und sein Auftreten legt nahe, dass ihm die europäische Dauerdämonisierung seiner Politik zunehmend gleichgültig wird, dass er es aufgegeben hat, um Europas Liebe zu buhlen. Für den Job hat er Medwedew eingestellt.

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